Die Vorweihnachtszeit lief bei mir lange Zeit unter klaren Vorgaben: Sie sollte märchenhaft schön werden. Die passenden Bilder für meine Vision pflanzten mir die Werbung und Social Media ins Hirn. Ich bin umgeben von lieben Menschen, gutem Essen, stimmungsvoller Dekoration, zauberhaften Geschenken und über all dem liegt der Glanz von Kerzen und Lichterketten, der alles in harmonisches Licht taucht. Märchenhaft schön, wie es Märchen nun mal sind. Dem gegenüber steht die Realität. Die hässliche Realität. Keine Ahnung, wovon ich rede? Dann folgt hier die Anleitung für eine garantiert stressige Vorweihnachtszeit. Auch bekannt als: Die Vorweihnachtsolympiade.

Die Wettkampfdisziplinen…

In der Weihnachtsbäckerei: Backe Trilliarden von Weihnachtsplätzchen von denen alle was haben – nur du nicht, weil die Keksdose immer leer ist, sobald sie deinen Weg kreuzt. Das mit der leeren Keksdose ist allerdings nicht schlimm, sondern ein Segen – siehe Punkt 2.

Wirf Ballast ab, aber mach’s dir nicht zu leicht: Weil du unterm Tannenbaum so gut wie möglich aussehen möchtest, legst du die Diät oder das wie auch immer geartete Detox-Programm unbedingt in die Vorweihnachtszeit – da kannst du deine Willensstärke in Gegenwart von Plätzchen, Lebkuchen und Glühwein auch viel besser unter Beweis stellen. Diäte aber nicht einfach still und leise vor dich hin, sondern lasse deine Mitmenschen lautstark an deinem Verzicht… äh… deiner Disziplin teilhaben. Kaue missgünstig auf einem Salatblatt rum, während sich dein Gegenüber eine Gänsekeule mit Knödeln genehmigt und gib entsprechende Kommentare von dir, wenn deine Mitmenschen gerade in die Plätzchendose greifen oder mit einem Stück Stolle liebäugeln. Verfressene und genusssüchtige Ignoranten, alle. Soll sie der Cholesterinschock holen.

Advent, Advent… der Terminkalender brennt: Das Jahr neigt sich dem Ende zu, also quetsche unbedingt diverse Feiern und Adventskaffeekränzchen in die letzten vier Wochen, weil man das zu Weihnachten eben so macht. Berücksichtige dabei auch diejenigen, die an den restlichen 364 Tagen des Jahres eine eher untergeordnete Rolle in deinem Leben spielen, denn denke daran: in der Vorweihnachtszeit haben wir uns alle lieb, auch wenn wir sonst eher froh sind, dass sich unsere Wege nicht so häufig kreuzen. Auch wichtig: alle, für die du im Lauf des Jahres keinen Anruf übrig hast, müssen jetzt wenigstens eine handgeschriebene Weihnachtskarte bekommen. Und vielleicht ein paar Kekse aus deiner Weihnachtsbäckerei – du selbst willst doch eh gerade maßhalten, da kannst du halt für andere backen.

Bring deine Wohnung auf vorweihnachtlichen Hochglanz und dekoriere, was das Zeug hält- Inspiration findest du in einschlägigen Blogs und auf Instagram. Leg die Messlatte ruhig schön hoch und tu einfach so, als würde die Queen nebst Gefolge zum Tee vorbeischauen. Und vergiss den Großputz nicht! Wer weiß, vielleicht wischt ja heimlich irgendwer mit seinem weiß behandschuhten Finger über die Möbel und wehe, der findet ein Staubkörnchen … dann verpfeift er dich nachher an den Weihnachtsmann und der spannt dich vor seinen Schlitten.

Plane das perfekteste der perfekten Weihnachtsmenüs: Und zwar perfekter als alles, was du in tollen Foodblogs je gesehen hast. Durchforste dafür in jeder freien Minute einschlägige Blogs und Pinterest-Boards, bist du was gefunden hast, womit du so richtig Eindruck schindest, bei wem auch immer. Kleine Hilfestellung: Akzeptabel sind nur Rezepte, für die a) sehr exotische und somit schwer erhältliche Zutaten nötig sind und die b) extrem aufwändig zuzubereiten sind. Wenn du möchtest, kannst du die Schwierigkeitsstufe auch noch erhöhen, indem du die unterschiedlichen Ernährungskonzepte aller Gäste (fleischlastige Allesfresser, vegan, vegetarisch, gluten- oder laktosefrei etc.) berücksichtigst… es ist doch Weihnachten, da kannst du ruhig ein bisschen tolerant sein. Und da du auf der Suche nach dem perfekten Menü vermutlich viel zu viele Rezepte für die paar Feiertage abgespeichert hast, kannst du Tage im Voraus in die Vollen gehen. Beweise deinen Lieben, dass du die personifizierte Weihnachts(küchen)fee bist, indem du sie während der Adventswochen mit all den Weihnachtsköstlichkeiten verwöhnst, die du online aufgestöbert hast. Das tust du selbstverständlich nur aus Liebe – und nicht für Instagram oder dein Blog, aber fotografieren kannst du es ja trotzdem. Sollten deine Lieben kulinarisch weitaus schneller zufriedenzustellen sein, als du das für möglich hältst und tatsächlich den Wunsch nach einem einfachen Käsebrot oder einer Pizza äußern, sei zurecht abgrundtief beleidigt. Das machen die doch nur, um dich zu ärgern! Sie haben dich einfach nicht verdient!

Wichtig: Gib allem mehrmals täglich ein Update deiner vorweihnachtlichen Aktivitäten: Klar, dass die (Vor)Weihnachtszeit die schönste Zeit des Jahres werden muss, weil das eben so ist. Das hat sogar Mr. Scrooge kapiert! Doch trotz Kerzen, schnuffiger Deko, heimeliger Gemütlichkeit und dem Geist der Weihnacht, von dem alle durchdrungen sind, ist das natürlich kein Selbstläufer. Die Deko springt nun mal nicht von alleine auf die Tannenzweige und die Plätzchen hüpfen auch nicht appetitlich verziert aus dem Ofen in die Keksdose – shit happens. Lasse darum alle, aber auch wirklich alle – vor allem jedoch deine Lieben – permanent wissen, wie gestresst du bist und was du alles um die Ohren hast! Werde icht müde ihnen mitzuteilen, was du dir ihretwegen alles aufhalst – nur aus… äh… Liebe. Und wenn dein Arbeitseinsatz nicht gebührend honoriert wird, dann kannst du ruhig einen gepfefferten Streit vom Zaun brechen und dir überlegen, ob du im nächsten Jahr nicht lieber Menschen beglückst, die es wirklich zu schätzen wissen, dass du aus freien Stücken für sie zum (Vor)Weihnachtsmärtyrer wirst.

Kann man so machen…

…muss man aber nicht. Wie gesagt: Ich mag die Vorweihnachtszeit, aber diese Vorweihnachtsolympiade ist mir mittlerweile zutiefst suspekt. Ich habe für einige Jahre in mehr oder weniger abgeschwächter Form daran teilgenommen und dann für mich festgestellt, dass das nichts für mich ist, weil ich in allen Disziplinen grandios gescheitert bin. Seither mache ich erstmal nur sehr wenig, „weil man das zu Weihnachten eben so macht“ und frage mich vorher, ob ich das wirklich will oder ob ich alternativ dieses oder jenes Zugeständnis machen möchte. Damit gewinnt man zwar keinen Beliebtheitspreis, aber irgendwas ist ja immer. Wenn ihre euch allerdings an einer oder mehreren der oben genannten Disziplinen versuchen möchtet, wünsche ich euch viel Glück.

In diesem Sinne: Habt ein schönes und entspanntes Adventswochenende! <3