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Keine Zeit, keine Zeit. So viel zu tun. Also hetzen wir durchs Leben und haken ab, was wir erledigt haben. Ist unser Leben tatsächlich nicht mehr als eine To-do-Liste? Und was hat die Aufmerksamkeit damit zu tun? 

Bislang hielt ich mich für einen relativ aufmerksamen Menschen und nicht für einen kleinen Alltagsroboter, der stupide den täglichen Verrichtungen nachgeht. Wobei das natürlich auch immer eine Frage der Sichtweise ist. Manch einer schreibt sich ein „Ich bin total entspannt“ auf die Fahnen und erwähnt dann ganz nebenbei, dass er strengen Ernährungsregeln folgt, täglich zwei Stunden auf dem Meditationskissen und zwei auf der Yogamatte zubringt und kurz nach dem Sandmännchen zu Bett geht, um weit vor Sonnenaufgang wieder auf die Yogamatte zu purzeln. Das ist sicher total entspannt. Verglichen mit einem tibetanischen Mönch.

Ups… stand das schon immer da?

Zugegeben: Manchmal schwant mir, dass es um meine Aufmerksamkeit besser bestellt sein könnte. Etwa, wenn ich die ganze Wohnung nach dem Paketklebeband durchforste, das ich eben noch in der Hand hatte. Nur um es dann am Abend unter der Heizung wiederzufinden, weil es scheinbar unbemerkt vom Tisch rollte. Auch unvergessen der Tag, an dem ich Nudelwasser aufsetze, obwohl bereits das Wasser für die Kartoffeln blubberte. Mein Augenöffner bezüglich meiner offensichtlich doch nicht so ausgeprägten Aufmerksamkeit war allerdings – mal wieder – ein Buch. Meine Mindstyle-„Bibel“ Yoga for Real Life von Maya Fiennes. Ich habe das Buch schon so oft durchgeblättert, aber offenbar nie aufmerksam durchgelesen.

Denn: Die Endentspannung (Shavasana) im Yoga hielt ich bisher für einen zu vernachlässigenden Zeitfresser und war fest davon überzeugt, dass mich noch nie jemand explizit über die Notwendigkeit von Shavasana aufgeklärt hatte. Auf all meinen Yoga-DVDs wird tatsächlich eher der Konjunktiv verwendet. „Es wäre schön, wenn“ oder „ihr könnt gerne noch“. Nun ist es mit dem Konjunktiv aber so eine Sache. Ich fühle mich davon grundsätzlich weniger angesprochen, weil ich klare Aufforderungen schätze. Doch dann las ich plötzlich im Buch von Maya:

„Zum Abschluss einer Yogaeinheit ruhen und entspannen wir immer einige Minuten in Shavasana. Es passiert nicht selten, dass jemand nach den Yogaübungen aufspringt und den letzten Teil auslässt. Aber dieser ist in Wahrheit der wichtigste!“

Ups. Das steht da. Auf Seite 36. Das hat niemand nachträglich reingekritzelt und dennoch entging es mir bisher. Mein Gesicht wird ganz heiß und wahrscheinlich laufe ich gerade knallrot an, weil ich mich tatsächlich schäme.

Wie aufmerksam bin ich tatsächlich?

Die Wahrheit ist: Körperlich bin ich anwesend und ich käme nie auf die Idee, während eines Gesprächs das Smartphone zu zücken – das ist für mich eine der größten Unhöflichkeiten überhaupt. Aber einhundertprozentige Aufmerksamkeit? Nein.

Da wären einmal die realen Ablenkungen. Darüber hinaus beherberge ich eine Horde durch meinen Kopf wuselnder Gedanken: Habe ich die Wäsche gewaschen? Ich muss bügeln. Das Essen macht sich nicht von alleine und es soll natürlich gesund sein. Und lecker. Außerdem idealerweise vegan oder wenigstens vegetarisch für mich sowie mit Fleisch für Mann und Sohn. Ist eigentlich noch genug Essbares im Kühlschrank und wenn nicht, wie lautet Plan B? Wann habe ich eigentlich zum letzten Mal so richtig die Wohnung geputzt? Oder die Fenster?!Da liegt Staub auf dem Tisch, aber kein Feenstaub… Warum stapeln sich schon wieder so viele Zeitschriften, die ich noch gar nicht gelesen habe? Der Stapel der ungelesenen Bücher wird auch immer höher… schaffe ich nie, das alles zu lesen… Es ist erschreckend, was im Lauf eines durchschnittlichen Tages so alles durch meinen Kopf rauscht.

Überlegung am Rande: Die Blütezeit der Achtsamkeitsprediger müsste in etwa ab da begonnen haben, als die halbe Online-Welt auf diversen Kanälen miteinander vernetzt war. Ständig schaut man hier und da, plingt hier eine Nachricht auf und dort… und schwupps… gerät mein armes kleines Hirn angesichts all der Ablenkungen völlig aus dem Tritt. Nach nur einem Tag Social-Media-Feuerwerk aus allen Rohren bin ich erstaunt, wie beschäftigt ich wirke, ohne dabei jedoch sonderlich produktiv zu sein.

Die Erkenntnis wirkt wie ein Espresso

So kann es nicht weitergehen. Meine Aufmerksamkeit gebärdet sich wie eine Dreijährige im Spielzeugladen in der Vorweihnachtszeit und die Gedanken gleichen einer Horde umhertollender Hunde. Ich gebe mir beste Mühe, „alles irgendwie zu erledigen“. Nur: Ist das wirklich Sinn der Sache? „Alles irgendwie zu erledigen“? Mit den Gedanken stets einen Schritt voraus zu sein? Zwar überall dabei, aber doch  nirgendwo präsent zu sein? Es geht doch nicht um eine ungeliebte Aufgabe, sondern um das Leben…

40 Prozent unserer täglichen Handlungen beruhen nicht auf bewussten Entscheidungen, sondern auf Routine – fanden Forscher der Duke University heraus.

In meinen wachen Momenten merke ich, dass es tatsächlich unfassbar lohnenswert ist, sich ganz auf eine Sache einzulassen. Denn:

„Wenn ich das Geschirr nicht voller Freude abwaschen kann und nur versuche, es schnellstmöglich hinter mich zu bringen, damit ich endlich zum Nachtisch übergehen kann, kann ich auch diesen nicht genießen. Mit der Gabel in der Hand überlege ich schon, was als Nächstes dran ist. So entgehen mir Konsistenz und Geschmack des Desserts ebenso wie das freudvolle Erlebnis des Verspeisens desselben. Ständig werde ich in die Zukunft gezogen und kann den gegenwärtigen Moment nicht genießen.“ (Thich Nhât Hanh)

Das ist der Knackpunkt. Die Gedanken galoppieren immer ein Stück voraus und verwässern den Augenblick. Das hat was von einem zu kurz gezogenen Tee. Oder von einem Kaffee, bei dem der Filter nicht sauber in die Maschine eingelegt wurde, sodass am Ende eine völlig verwässerte Plörre in die Kanne tropft.

Meine Lebensaugenblicke sollen kein verwässerter Kaffee sein. Sondern ein gescheiter Filterkaffee. Oder auch mal ein Espresso. Wie sieht’s bei euch aus?