Leben und leben lassen. Eigentlich ganz einfach. Wenn es doch nur nicht so schwierig wäre. Und im Internet ist es scheinbar unmöglich…

Ich gestehe, dass mich derzeit nur wenig so kopfschüttelnd und ratlos zurücklässt, wie online geführte Diskussionen – wobei die Bezeichnung „Diskussion“ eigentlich nicht zutreffend ist, denn die wäre laut Wikipadia folgendes:

„Eine Diskussion ist ein Gespräch (auch Dialog) zwischen zwei oder mehreren Personen (Diskutanten), in dem ein bestimmtes Thema untersucht (diskutiert) wird, wobei jede Seite ihre Argumente vorträgt. Als solche ist sie Teil zwischenmenschlicher Kommunikation.“ Quelle: wikipedia

Diskussionen 2.0 haben eher was von einem Gladiatorenkampf. Es wird geätzt, gelästert und beleidigt. Ziel: Recht haben und keinen Millimeter vom eigenen Standpunkt abweichen. Akzeptanz? Fehlanzeige. Verständnis? Eher friert die Hölle zu. Höfliches Nachhaken? Ist als Kriegserklärung zu werten. Den eigenen Horizont erweitern? Unnötig – man ist allwissend. Es scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, sich anderslautende Meinungen einfach nur mal anzuhören und drei oder fünf Sekunden darüber nachzudenken – ohne gleich reflexartig draufzuhauen.

Stattdessen bilden sich sofort Grüppchen, die gnadenlos aufeinander losgehen. Und dabei tut jedes Grüppchen so, als hätte es die einzige Wahrheit für sich gepachtet, womit wir dann schon mal mindestens zwei Wahrheiten hätten… und noch ein paar dazwischen. Besonders explosives Gebiet  – neben all den anderen Mienenfeldern, die sich einladend auftun – sind Lebensentwürfe. Und wer glaubt, dass Frauen „das friedliche Geschlecht“ wären, sollte sich einfach mal den Spaß machen, diesbezüglich ein paar „Diskussionen“ in verschiedenen Onlinemagazinen oder Foren zu lesen. Da gehen Vollzeitmütter oder „Familienmanagerinnen“, „Karrierefrauen“ und in Voll- oder Teilzeit arbeitende Mütter (in typischen Frauenjobs = schlecht bezahlt) aufeinander los und schenken sich keinen Millimeter. In Sex and the City philosopiert Carrie in der Folge „Das Recht auf Schuhe“ über ebendieses Thema:

„Die Lebensentscheidungen der anderen wurden nicht mehr gefeiert, sondern beurteilt. Ist das Akzeptieren wirklich eine so kindische Vorstellung oder haben wir es ursprünglich richtig gemacht? Ab wann hatten wir nicht mehr die Freiheit, du und ich zu sein?“

Ab wann hatten wir nicht mehr die Freiheit, du und ich zu sein?*

Warum müssen wir uns (zumindest gefühlt und besonders online?) so oft für unsere Entscheidungen rechtfertigen – vor allem, wenn sie sich rückblickend betrachtet vielleicht als suboptimal erweisen und wir das doch eigentlich hätten besser wissen müssen? Hätten wir es besser wissen müssen? Vielleicht. Ich hänge mich jetzt aber mal ganz weit aus dem Fenster und behaupte, dass nur wenige von uns morgens aufwachen und sich sagen: „Heute habe ich mal so richtig Lust drauf, ein paar wirklich schlechte Entscheidungen zu treffen, die mir noch Jahre später Knüppel zwischen die Beine werfen.“

Also, unmöglich ist es natürlich nicht, aber wahrscheinlicher ist es wohl, dass die jeweilige Entscheidung damals die beste zu sein schien. Oder dass das jeweilige Handlungsrepertoire einfach nichts anderes zuließ. Möglicherweise hat das Leben die wohldurchdachten Pläne aber auch einfach nur amüsiert gemustert und gedacht, vergiss  deine Pläne und zeig doch mal, wie flexibel du bist. Besserwisserei hilft da auch nicht weiter. Oder um mal ein indianisches Sprichwort zu bemühen, das Shoeholic Carrie sicher gefallen würde:

Urteile nie über einen anderen, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen bist. 

Mittlerweile meide ich derartige Diskussionen von vornherein, weil ich sie unglaublich ermüdend finde. Und ich bin auch nicht mehr dazu bereit, fremde Menschen über mich und mein Leben zu Gericht sitzen zu lassen, das erledige ich schon selbst. Bleibt mir die Erkenntnis, dass ich es müßig finde, über bestimmte Dinge zu diskutieren – und Lebensentwürfe gehören dazu. Passende Lebensentwürfe gibt’s nicht von der Stange, die sind eine Maßanfertigung. Und letztendlich ist genau das stimmig, was passt – und zwar (zu) denen, die es betrifft.

Leben und leben lassen. Eigentlich ganz einfach. Wenn es doch nur nicht so schwierig wäre.

Die Sprache ist die Kleidung der Gedanken

[*Sex and the City]