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Wir optimieren uns permanent und sind auf der Suche nach unserem wahren Selbst. Und werden dabei immer unglücklicher. Warum es glücklich macht, auch mal einen Gang zurückzuschalten.

Selbstverwirklichung ist scheinbar das Nonplusultra. Überall ploppen „Tu, was du liebst“- und „Lebe deine Träume“- Sprüchlein wie Pilze aus dem Boden. Und dann kommt plötzlich jemand daher, der der Selbstverwirklichung eine Absage erteilt und in ein ganz anders Horn bläst. Nämlich: Hört auf, andauernd Nabelschau zu betreiben und im Inneren die Antworten auf all eure Befindlichkeitsstörungen zu suchen. Konzentriert euch weniger auf euch selbst und mehr auf das, wovon ihr Teil seid. Kurz und gut: Nehmt euch und eure subjektiven, oft unzuverlässigen Gefühle endlich weniger wichtig. Peng. Das saß. Das las ich sinngemäß in einem spannenden Interview mit Svend Brinkmann – Professor der Psychologie an der Aalborg University. [1]

Vor wenigen Wochen wäre das Interview wohl an mir vorbeigerauscht, jetzt aber fiel es auf fruchtbaren Boden. Gehen mir seit einiger Zeit ganz ähnliche Gedanken durch den Kopf. Und zwar in Gestalt eines sehr unzeitgemäßen Wortes: Demut. Als es zum ersten Mal durch meine Gedanken wuselte, war ich leicht konsterniert. Wie kommt denn das jetzt in meinen Kopf?! Gelesen habe ich sicher nirgendwo darüber. Wo auch? Steht derzeit ja nicht besonders hoch im Kurs, die Demut. Weil der Hase ganz anders läuft.

Das Beste? Aber selbstverständlich.

Wir sind nicht genügsam und geben uns einfach mit „irgendwas“ zufrieden. Wir fordern das ein, was uns zusteht. Und das ist eine Menge  – natürlich nur vom Besten. Das ist so, weil… äh… ja warum ist das eigentlich so? Gibt es irgendwo ein geheimes Verlies, so wie bei Gringotts, der Zaubererbank, in dem fein säuberlich all das aufgeschichtet ist, was uns zusteht im Leben? Türmen sich in meinem Verlies möglicherweise lauter tolle Sachen, von denen ich noch nicht mal weiß, dass sie für mich bestimmt sind? Und was passiert mit ihnen, wenn ich sie nicht abhole? Verfallen sie? Werden sie jemand anderem zugeschoben? Bin ich ein Fall für den Therapeuten, wenn ich nicht automatisch davon ausgehe, dass für mich nur das Beste gut genug ist und das auch fordere? Wenn ich zwar dankbar dafür bin, wenn es gut läuft, aber nicht wie selbstverständlich davon ausgehe, dass das auch der Normalfall ist? Und muss ich mir Gedanken um mich machen, wenn Selbstverwirklichung um jeden Preis nicht auf meiner Agenda steht? Wobei… was bedeutet Selbstverwirklichung überhaupt?

Selbstverwirklichung à la Maslow

Wenn es um die Selbstverwirklichung geht, bietet sich ein Blick auf die Bedürfnispyramide nach Abraham Maslow an. Für ihn bedeutete Selbstverwirklichung: Das eigene Potenzial erkennen und ausschöpfen. Allerdings stand die Selbstverwirklichung für ihn an oberster Stelle der Bedürfnispyramide, denn die fünfstufige Maslowsche Bedürfnishierarchie (1943) gestaltet sich wie folgt:

  • 5. Selbstverwirklichung
  • 4. Individualbedürfnisse (Unabhängigkeit, Freiheit, Prestige)
  • 3. Soziale Bedürfnisse (Freundschaft, Zugehörigkeitsgefühl)
  • 2. Sicherheit (Wohnung, Arbeit, Einkommen)
  • 1. Grundbedürfnisse (Nahrung, Schlaf)

Maslow ging damals übrigens nicht davon aus, dass die die breite Masse die Stufe der Selbstverwirklichung erreichen würde. Seiner Einschätzung nach würde das nur etwa 2% der Weltbevölkerung gelingen. [2]

Leben wir in unserer Selbstverwirklichungs-Blase?

Mitten in diese Überlegungen um das Streben nach mehr, die nicht nur der Tatsache geschuldet waren, dass ich mal wieder in Hogwarts unterwegs war, platzte nun dieses Interview mit diesem Dänen, das so gar nichts mit dem dänischen Exportschlager Hygge zu tun hat. Seine Worte sind nicht kuschelig oder bequem. Sie gären in meinem Kopf. Noch Tage, nachdem ich sie gelesen habe. Stimmt es, was Brinkmann sagt? Erforschen wir lieber uns als unsere Umwelt?  Sind wir mittlerweile besessen davon, permanent nach innen zu hören, um dort jeder unserer Befindlichkeitsstrungen auf den Zahn zu fühlen? Jagen wir so sehr unseren Bedürfnissen, Träumen und Wünschen hinterher, dass wir mittlerweile alle in unserer eigenen kleinen Blase der Selbstverwirklichung leben? 

Und wenn ja, wie finden wir da raus?

Brinkmann empfiehlt in seinem Buch unter anderem: 

Dankbarkeit: Dass wir uns nicht auf das fokussieren, was wir erreichen wollen. Sondern auf das, was wir bereits besitzen.

Akzeptanz: Dass wir Begrenzungen akzeptieren und uns damit abfinden.

Selbstdisziplin: Dass wir lernen, Selbstdisziplin zu entwickeln und üben, unsere Gefühle zu beherrschen.

Bewusstheit: Dass wir uns unserer eigenen Sterblichkeit bewusst werden, um dem Leben mit  mehr Dankbarkeit zu begegnen.

Plötzlich passt auch die mir immer wieder durch den Kopf geisternde Demut wunderbar ins Bild. Denn eine Definition, die mir sehr gut gefällt, lautet wie folgt: 

„Demut bedeutet, dass man die äußeren Gegebenheiten hinnimmt ohne darüber zu klagen und sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Daher wird es oft mit Eigenschaften wie Genügsamkeit, Zufriedenheit und Hingabe assoziiert. In dem Wort selbst steckt das Wort Mut. Um Demut aufzubringen, braucht es also eine gute Portion Selbstüberwindung. Das liegt vor allem daran, dass man sich zuerst von den gängigen Klischees und Vorurteilen befreien muss, damit man seinem Gegenüber auf Augenhöhe begegnen kann. Denn Demut bedeutet zuallererst sich von Hochmut zu befreien.“ [3]

Klingt das nicht nach Selbstaufgabe?

Meilenweit entfernt von diesem Feelgood-Geschwafel, das bei mir mittlerweile schon zu schlechtem Gewissen führt, wenn ich mal übers Wetter nörgele, weil mir diese anhaltende Grau-in-grau-Ödnis auf die Laune schlägt. Dabei weiß ich wohl: Es gibt ja kein schlechtes Wetter – nur unpassende Kleidung und überhaupt ist alles nur eine Frage meiner Einstellung. Ist doch so? Oder bin ich mittlerweile einfach nur so gehirngewaschen, dass ich das Gefühl fürs richtige Maß verloren habe? Das Gefühl für mein Maß…

Und was soll ich von Svend Brinkmanns Worten halten? Klingt das nicht ein wenig zu sehr nach Selbstaufgabe? Oder sind das genau die richtigen Worte, um den Blick fürs Wesentliche zu schärfen? Denn, so Brinkmann: „Geht es wirklich darum, in jedem Bereich alles zu geben, bis nicht nur mein Körper, sondern auch mein Geist rundum optimiert ist? Oder zählt womöglich etwas ganz anderes?“ [1]

Zählt womöglich etwas ganz anderes? Auf dieser Frage dürft ihr gerne ein bisschen rumdenken, ich tue es auch. Vermutlich pendele ich mich, wie so oft, mit „meiner Wahrheit“ mal wieder in der Mitte ein. Also in etwa: Nimm dich ernst, aber nicht zu ernst. Träume groß, aber behalte die Realität im Blick. Und vergiss bei all dem das Lachen nicht. ;)

Die Regeln des Glücks:
Tu etwas, liebe jemanden, hoffe auf etwas.

-Immanuel Kant –

P.S: Die Demut in der o.g. Definition mag ich übrigens – quasi als kleinen Bruder vom Mut. Wobei ich mir nicht mal so sicher bin, ob Mut und Demut nicht vielleicht sogar Zwillinge sind. So wie die Weasleys. ;)

Infos & Quellen: 
[1] Brigitte Woman 12/18 – Was wirklich zählt
[2] wikipedia: Maslowsche Bedürfnishierarchie
[3] lernen.net: https://www.lernen.net/artikel/demut-die-besten-5-tipps-fuer-mehr-genuegsamkeit-2773/
[3] Svend Brinkmann: Pfeif drauf!: Schluss mit der Selbstoptimierung. Knaur HC (2018)