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Schenkt dir das Leben Zitronen, mach Limonade draus. Oder: Sieh die Chance, die in jeder Krise steckt. Ich bin ein Freund derartiger Sprüche – aber nicht immer. Denn nun bin ich – was vielleicht ein wenig überraschend kommt – total gerne glücklich und sehr viel lieber glücklich als unglücklich. Aber diesen Zwang, in allem sofort die Chance erkennen zu müssen, empfinde ich als grausam mir selbst gegenüber. Also gönne ich mir eine Runde Selbstmitgefühl und suche nicht mehr sofort reflex- und zwanghaft nach dem positiven Aspekt eines jeden Misthaufens, den mir das Leben dann und wann vor die Tür kippt. Sondern betrachte ihn zuerst einfach mal als das, was er ist: ein Haufen Mist. 

Diese Überschrift müsste korrekterweise eigentlich lauten: Hilfe! Ich bin ein Narr, klärt mich auf! Wie zum Henker soll ich denn aus jeder verdammten Zitrone Limonade machen?! Wie. Soll. Ich. Das. Schaffen?! Logisch, dass sich „Henker“ und „verdammt“ in keiner Überschrift gut machen, es sei denn, du bewirbst ein „Iny Lorentz“-Buch also musste ich umdisponieren.

Gut, die Sache ist die: Ich bin sehr, sehr gerne glücklich. Und ich liebe mein Leben Motivationssprüchlein. Ich muss das so betonen, da Subtiltität die Sache des Internets nicht ist und man mir sonst eine Trauerkloß-Attitüde andichten könnte. Weil die Grauzone zwischen „Himmelhoch jauchzend“ und „zu Tode betrübt“ ja irgendwann gestrichen wurde. Die eine Hälfte ist jetzt knallpink mit gelben Tupfen und Glitzer, die andere schwarz mit graphitfarbenen Streifen und Stacheldraht. Ungeschriebenes Gesetz ist auch: Wenn dir das Leben einen Misthaufen serviert oder ein Menü, das du nicht bestellt hast, verziehst du dich damit in die pinkfarbene Zone und findest das toll. Zumindest jammerst du nicht und wenn du überhaupt darüber redest, dann betonst du stets, was für eine wunderbare Chance das ist und dass dir der Sinn schon lange nach Veränderung stand. Was natürlich toll ist, wenn es wirklich so ist. Aber sonst? Ganz ehrlich? Diese zwanghafte Fixierung auf Zitronenlimonade scheint mir ein bisschen verhaltensoriginell zu sein.

Das habe ich nicht bestellt…

Im Restaurant etwa käme ich nicht im Traum auf die Idee, Kutteln oder Steak and Kidney Pie zu bestellen. Und wenn das Zeug trotzdem auf meinem Teller landet, würdige ich weder die Schönheit des Pies noch freue ich mich darüber, dass ich kulinarisch andere Wege gehen darf. Stattdessen bitte ich höflich aber bestimmt darum, dass man mir das serviert, was ich bestellt habe. So weit, so simpel. Aber wie mache ich das dem Leben klar? Vielleicht so: „Liebes Leben, du hast mir gerade eine Portion Steak and Kidney Pie serviert, davon wird mir speiübel. Nimm das doch bitte wieder mit.“

Wie wird das Leben nun wohl reagieren? Antwortet es womöglich: „Liebes, verzeih mir bitte, das war ein Versehen. Es tut mir so leid, dass ich dir ein falsches Essen serviert habe. Hier bekommst du das, was du bestellt hast und der Wein Nachtisch geht als kleine Wiedergutmachung aufs Haus. Sollte dir das Servicepersonal je wieder das falsche Essen servieren, wende dich bitte vertrauensvoll an mich, ich regele das dann für dich.“

Glaubt ihr, dass das so laufen wird? Herzlichen Glückwunsch, ihr seid zu Großem berufen. Ihr werdet vermutlich mehrfacher Bestsellerautor in den Kategorien: Glück, Lebenshilfe, Ratgeber, Motivation & Erfolg. Es ist schön für Menschen wie mich, dass es euch gibt, denn im Krisenfall lese ich eure Bücher. Es ist allerdings auch schön für euch, dass es Menschen wie mich, denn irgendwer muss eure Bücher ja kaufen. Aber zurück zu den Misthaufen des Lebens.

Warum sind wir manchmal so hart zu uns?

Tatsache ist: Shit happens – und das möchte ich auch so benennen dürfen, ohne sofort einen Twist zum Positiven finden zu müssen. Keine Frage, überall steckt eine neue Chance drin. Okay, fast überall. Aber in dem Moment, in dem mein Leben durchgeschüttelt wird, als säße ich in einer Schneekugel, möchte ich auch einfach mal ungestraft denken dürfen:

  • Verdammt, ich will das nicht.
  • Warum passiert mir/uns das?
  • Wie soll ich damit klarkommen?
  • Ich weiß nicht, ob ich das schaffen werde.
  • Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll.
  • Was ist, wenn es nicht gut endet?
  • Ich habe Angst.

Vielleicht möchte ich genau das sogar jemandem sagen, ohne dass mir sofort ein paar gute Ratschläge um die Ohren ploppen. Oder mit scheelem Blick auf den Kalender angemahnt wird: „Du irrlichterst ja nun schon drei Tage orientierungslos durch die Gegend, meinst du nicht, dass es Zeit wird, endlich nach vorne zu schauen?“

Ich will nicht immer sofort wissen müssen, was ich jetzt mache oder wie es weitergeht und ich kann es auch nicht. Ich muss auch mal 2 – 200 Stunden im Selbstmitleid versinken und mich einigeln dürfen. Nicht, weil ich so viel Spaß daran habe und mir nichts Schöneres vorstellen kann. Sondern weil ich alles andere als grausam mir selbst gegenüber empfinde. Wenn mir das Leben einen Plan, einen Wunsch oder einen Traum aus der Hand reißt, dann möchte ich das angemessen betrauern dürfen. Anstatt mich sofort wieder in hektische Betriebsamkeit stürzen und Feelgood-Mantras verbreiten zu müssen.

Die Zitrone im Misthaufen

Jeder geht anders mit Herausforderungen und Krisen um und das ist gut so. Die einen sehen tatsächlich sofort die Chance und packen es an. Ihr seid meine Helden! Ich bewundere euch und lese vermutlich eure Bücher und Blogs und liebe sie wirklich. Aber es gibt eben auch Menschen wie mich, die sich nicht sofort freudig durch den Mist buddeln. Menschen, die den Misthaufen erstmal missmutig beäugen, und „verdammter Mist“ denken, ehe sie sich auf die Suche nach der Zitrone machen, die sie für diese blöde Limonade brauchen, obwohl ihnen Kaffee viel lieber ist. Ich nähere mich einem Misthaufen in folgenden Schritten:

Einatmen, ausatmen. Repeat. Irgendwo (ver)steckt (sich) die Chance? Schön für sie. Soll sie doch bleiben, wo der Pfeffer wächst. Ich muss sie nicht gleich sehen können, geschweige denn, dass ich sofort danach suchen. Es genügt mir zu wissen, dass sie wohl da ist. Irgendwo. Vorerst bin ich wütend, geschockt, traurig, vor den Kopf gestoßen – also ziehe ich mich erstmal zurück und lasse das sacken.

Keinen unüberlegten Mist machen: Idealerweise schlage ich nicht voreilig irgendwelche Türen zu, die sich hinterher nur mit sehr viel Diplomatie wieder öffnen lassen – wenn überhaupt. Die Anzahl meiner Talente ist überschaubar, das Türenzuknallen beherrsche ich allerdings meisterlich und in allen Facetten. Da ich das weiß, gebe ich also nicht dem ersten Impuls nach und tue das, was mir im Gedankenchaos logisch und schlüssig zu sein scheint – denn meist ist es genau das nicht mehr, wenn ein paar Tage ins Land gegangen sind.

Go with the Flow: Wenn sich der Gedankenstrudel verselbständigt, schaue ich, wie ich dem beikommen kann. Reden? Ja, aber nur mit vertrauenswürdigen Menschen, die weder zur Schwarzmalerei neigen noch meine Sorgen kleinreden wollen. Auch gut: das Schreiben. Oder einen meiner Lieblingsfilme einwerfen, auf Neues kann ich mich in dem Moment nicht einlassen. Noch besser: Sport – aktiv und passiv. Aktiv powert aus, passiv lenkt ab. Am liebsten kombiniere ich beides miteinander. Was allerdings wirklich immer hilft: Rausgehen in die Natur. Gibt es eine Studie, die belegt, dass Bäume Sorgen fressen können? Ich kenne zwar keine, kann aber beschwören, dass es mir nach meiner Walkingrunde durch teils bewaldetes Gebiet immer besser geht als vorher. Fast so, als hätte jemand den Stöpsel der Badewanne gezogen und das ganze Zeug mal ablaufen lassen. Fühlt sich an, als wäre ich einmal frisch geerdet worden. Was bei mir in so einer Phase eher nicht hilft: Yoga u. Meditation (gut, da stehe ich noch ganz am Anfang). Beides bringt mir als SOS-Maßnahme leider relativ wenig und taugt erst wieder ab dem nächsten Schritt.

Es ist, wie es ist: Es hätte/sollte/könnte? Tja, ist es aber leider nicht. Es ist, wie es ist. Irgendwann bin ich bereit, das anzuerkennen – was je nach Größe des Misthaufens lange oder noch sehr viel länger dauern kann. Manchmal sogar richtig lange. Ich höre auf zu hadern und nehme die Situation so an, wie sie ist. Das heißt nicht, dass ich total happy bin oder einen detaillierten Plan für die nächsten Monate aus der Tasche ziehe. Aber ich bin bereit, den nächsten Schritt zu gehen. Und den nächsten… und den nächsten. Wohin auch immer mich das führen wird. Auf jeden Fall dorthin, wo es schön ist, das weiß ich… auch wenn ich sonst noch nichts weiß.

Also, ich weiß nicht, ob das wirklich in aller Deutlichkeit rübergekommen ist, darum erwähne ich es hier sicherheitshalber nochmal: Ich bin tatsächlich  total gerne glücklich und sehr viel lieber glücklich als unglücklich. Aber ich widersetze mich dem Zwang, glücklich sein zu müssen. Und das tue ich nicht, weil ich mich hasse. Sondern weil ich mich liebe mag.

Wenn ich das Gefühl habe, dass das Boot, in dem ich über den Ozean schippere, gerade schwere Schlagseite hat, dann erfreue ich mich weder an den hübschen Wattewölkchen am Himmel noch an den türkisfarbenen Schattierungen des Wassers. Ich genieße weder die Sonne auf meiner Haut noch den Wind, der mir um die Nase weht. Ich schaue einfach, dass ich mein Boot wieder in den Griff bekomme.

Anschließend sehe ich weiter. Hänge vielleicht eine Runde in der Hängematte ab, bewundere den strahlend blauen Himmel… und dann trinke ich möglicherweise auch endlich mal ein Glas von dieser verdammten Zitronenlimonade und stelle fest, dass sie gar nicht sooo übel schmeckt. Auch wenn ich sie niemals im Leben freiwillig bestellt hätte und für die nächsten Jahre genug von Zitronenlimonade habe…

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