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Kent M.Keith schrieb 10 „paradoxe Gebote“ auf, die andere so beflügelten, dass sie diese Sätze täglich mit sich führten. Hannah Brencher hinterließ in der Anonymität New Yorks handgeschriebene Briefe, mit denen sie den Findern ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Anderswo werden Menschen für die Quote mit der verbalen Kettensäge in Scheibchen geschnitten. Zeit, um mir mal Gedanken darüber zu machen, welche Worte ich wählen möchte…  

Es war einmal ein 19-jähriger Student namens Kent M. Keith, der 1968 seine Ideale und Wertvorstellungen zusammenfasste, denen er den Namen „Die paradoxen Gebote“ gab. Seine 10 Gebote wurden Bestandteil eines dünnen Büchleins, das die Schüler seiner Highschool verfassten und welches in kleiner Auflage veröffentlicht wurde. Keith kümmerte sich nicht weiter darum, sondern stürzte sich ins Leben, womit er zweifelsohne genug zu tun hatte.

Ein paar Sätze reisen um die Welt…

Rund 25 Jahre später sprach man Keith zum ersten Mal auf seine „paradoxen Gebote“ an, diese waren nämlich u.a. auf einer Konferenz für Führungskräfte in Honolulu erwähnt worden. 1997 besuchte Keith einen Vortrag und glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. Es wurde ein Gedicht vorgelesen, das aus einem Buch von Mutter Teresa stammte. Keith wurde hellhörig, denn das, was er da hörte, kam ihm sehr bekannt vor. Tags darauf ging er in eine Buchhandlung, pickte sich das entsprechende Buch (Mutter Teresa – der einfache Weg) heraus und fand im Anhang das Gedicht „Anyway“, welches aus acht seiner „paradoxen Gebote“ bestand. Ein Urheber wurde nicht genannt, stattdessen hieß es: „Von einem Schild am Shisu-Bhavan-Waisenhaus in Kalkutta.“ [1]

Das, was er als 19-Jähriger aufgeschrieben hatte, um es mit anderen zu teilen, war ohne sein weiteres Zutun um die Welt gereist. Das berührte Kent M. Keith so sehr, dass er seinen paradoxen Geboten ein eigenes Buch widmete: „Anyway. The Paradoxical Commandments“. In „Anyway“ füllte er seine Leitsätze mit Leben und erzählte beispielsweise, welche Geschichten dem jeweiligen Leitsatz zugrunde liegen. Und „Anyway“ reiste weiter um die Welt. Es berührte so viele Leser, dass es mittlerweile in 17 Sprachen übersetzt wurde. Keith, der die Leser hatte inspirieren wollen, erhielt nun seinerseits eine Flut von Zuschriften, in denen ihm die Menschen davon berichteten, wie die „paradoxen Gebote“ ihnen durch schwere Zeiten geholfen hätten. Manche, so schreibt Keith in seinem Buch, hätten die Gebote sogar mehr als 20 Jahre in ihrem Geldbeutel mit sich getragen.

Wenn man die Welt verbesssern möchte, darf man sich nicht vom Applaus anderer abhängig machen.
-Kent M. Keith-

Bisschen Gänsehaut bekommen bei dieser Vorstellung? Keith zumindest ging es so und mir ehrlich gesagt auch. Wie fühlt man sich wohl, wenn man dreißig Jahre später erfährt, dass man etwas geschaffen hat, was so viele Menschen inspiriert und berührt? Wenn man – so wie J.K. Rowling – realisiert, dass die Fantasiewelt, die man anderen geschenkt hat, wohl nie in Vergessenheit geraten wird? Oder wenn man, so wie Astrid Lindgren, Figuren zum Leben erweckt, die noch Jahrzehnte später höchst lebendig durch die Kinderzimmer toben?

If you find this letter…

Eine fast ebenso schöne Geschichte ist auch die von Hannah Brencher. Sie zog mit Anfang 20 nach New York und fühlte sich schnell einsam in dieser Stadt. Also begann sie, handgeschriebene Briefe in der Stadt zu verteilen. Adressiert waren die Briefe wie folgt: »Wenn du diesen Brief findest – dann ist er für dich« Die Briefe sollten, so Hannah, eine aufmunternde Botschaft für Herz und Seele sein. Unterschrieben waren die anfangs namenlosen Briefe mit: Mit Licht und Liebe, ein Mädchen, das versucht, seinen Weg zu finden. Wie es weiterging mit Hannah und ihren Liebesbriefen? Das könnt ihr in ihrem Buch „Wenn du diesen Brief findest…: Als ich einen Brief schrieb und tausende zurückbekam“ nachlesen. Oder ihr schaut online auf „The World Needs More Love Letters“ vorbei. Bei der von Hannah Brencher ins Leben gerufenen Initiative tummeln sich mittlerweile um die 25.000 Menschen, die „Liebesbriefe“ an Menschen schreiben, die sich ein paar herzerwärmende Zeilen wünschen. Oder die, wie Hannah sagt, einfach nur auf der Suche nach jemandem sind, der ihnen für einen Moment die Hand hält und ihnen Mut macht.

Wir dürfen nicht vergessen, uns füreinander zu interessieren. Sei für andere da. Sei einfach du selbst, und alles andere fügt sich von ganz allein.
-Hannah Brencher-

Worte, die gestrichen werden können…

Wenn ich’s mir genau überlege, ist dieser Post vielleicht auch eine Art Memo an mich Plädoyer dafür, Worte sorgsam(er) zu verwenden. Auch wenn das nicht immer leicht ist – zumindest nicht für eine olle Kodderschnauze wie mich. Ich versuche darum seit einiger Zeit, die folgenden Punkte zu beherzigen, was mir je nach Tagesform mal besser, mal schlechter und an manchen Tagen überhaupt nicht gelingt:

Wir sind alle Menschen und jeder von uns schleppt sein eigenes Päckchen mit sich rum. Manche sogar ziemlich viele davon – und einige dieser Päckchen sind schon unglaublich in die Jahre gekommen. Wenn ich nicht absichtlich jemanden beleidigt habe, was ein absoluter Ausnahmefall ist, sprach die Königin der Fettnäpfchen, hat eine patzige oder unfreundliche Reaktion meist sehr viel weniger mit mir und sehr viel mehr mit der Person selbst zu tun. Geht mir ja nicht anders. Wenn mich eine eigentlich eher harmlose Bemerkung trifft, dann hat sie wahrscheinlich irgendwas in einem meiner alten Päckchen zum Explodieren gebracht. Und anstatt – wie sonst üblich – sofort zum Gegenangriff auszuholen, registriere ich mittlerweile: Oh, Randale im Päckchen, vielleicht sollte ich da bei Gelegenheit mal wieder reinschauen, ehe es mir um die Ohren fliegt. Diese Einstellung ist sehr entspannend. Nicht nur fürs Miteinander.

Ich darf meine Meinung auch mal für mich behalten, wenn ich nicht um meine Meinung gebeten werde: Authentizität steht ja hoch im Kurs. Manchmal habe ich allerdings das Gefühl, dass Authentizität gerne damit verwechselt wird, anderen andauernd die eigene Meinung an den Kopf zu knallen, „weil man ja so authentisch ist und nicht lügen oder sich nicht verbiegen möchte“ . Dumm nur: Es war überhaupt keine Meinungsäußerung gefragt. Wenn es also nicht um Leben und Tod geht oder darum, für meine Überzeugungen einzustehen und mich niemand nach meiner Meinung gefragt hat(!), dann halte ich in „brenzligen Situationen“ meine Klappe und denke mir meinen Teil. Ja, ich denke mir meinen Teil… sorry, ich bin auch nur ein Mensch. Ich habe nämlich a) keinen Lehrauftrag und b) die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen. Also verhalte ich mich auch nicht so, als ob es anders wäre.

Schon mal jemanden getroffen, der gerne kritisiert oder belehrt wird, ohne dass er um Hilfe oder Feedback gebeten hat? Ich nicht. Wobei selbst die Bitte um Feedback kein Freifahrtschein ist, den anderen nach allen Regeln der Kunst zusammenzufalten. Also halte ich mich diesbezüglich zurück, wenn es mir möglich ist. Die Betonung liegt auf: wenn es mir möglich ist – leicht ist es in manchen Situationen nämlich nicht, denn so von Licht und Liebe durchdrungen werde ich im Leben nicht sein. Apropos: um Hilfe bitten. Ich bitte nicht sooo gerne um Hilfe, aber wenn ich es tue, dann ist das keine Übersetzung für: Halte mir doch bitte erstmal einen zweistündigen Vortrag, in dem du mich darüber aufklärst, was ich deiner Meinung nach in den letzten 20 Jahren so alles falsch gemacht habe. Das von mir als Geheimtipp, wie ihr anderen eine echte Freude machen könnt. Wenn ihr um Hilfe gebeten werdet: Nicht quatschen, machen.

Letztendlich geht es für mich eigentlich immer nur um Folgendes: Was will ich mit meinen Worten erreichen? Meinem Ärger Luft machen? [Völlig legitim, wer möchte sich schon ein Magengeschwür züchten?] Meinem Gegenüber zeigen, dass er überhaupt keine Ahnung hat und/oder dass ich ihn ohnehin total blöde finde? [Ähem… ja nun… nobody is perfect.] Meinen Kopf mit aller Gewalt durchsetzen [Dickschädel, fragt nicht… aber es wird besser…]? Oder bin ich an einer Einigung interessiert? Wenn es mir gelingt, einen kühlen Kopf zu bewahren und nicht reflexhaft eine Wortsalve aus der Hüfte zu schießen, überlege ich vorher, worum es mir eigentlich geht. Und dann wähle ich zum Wohle aller Beteiligten normalerweise auch keine Worte, die ich zwei Sekunden später am liebsten zurückholen möchte. Äh… rein hypothetisch, natürlich. Nicht, dass ich je schon mal was ausgesprochen hätte, was ich zwei Sekunden später bereut hätte. Ich doch nicht.

Treffer. Versenkt?

Worte können direkt ins Herz treffen – so oder so. Sie können Träume und Hoffnungen mit einem scharfen Hieb zerstören oder dem Empfänger Flügel verleihen, auf dass er sie 20 Jahre lang in seiner Geldbörse seinem Herzen mit sich trägt. Das heißt nun nicht, dass ich fortan einen Liter Weichspüler über jeden meiner Sätze schütte und alles in Zuckerwatte packe. Das wäre so weit von Authentizität entfernt wie so mancher Trumpel Trampel vom Friedensnobelpreis. Dennoch liegt es an mir, welche Worte ich wähle – und der erste Schritt ist der, dass ich mir eben so oft wie möglich bewusst mache, dass ich eine Wahl habe.

Astrid Lindgren sagte übrigens: „Und dann schreibe ich so, wie ich mir das Buch wünsche, wenn ich selbst ein Kind wäre. Ich schreibe für das Kind in mir.“ Da kann es so verkehrt nicht sein, mit anderen so zu reden, wie ich es mir für mich selbst wünsche. Und nur der Vollständigkeit halber: Es ist schon klar, dass es unmöglich ist, sich selbst jeden Tag mit einer Schimpfkanonade zu überziehen („Was machst du denn da?“, „Kannst du nicht einmal was richtig machen?“, „Stell dich doch nicht so blöd an!“ etc.) und dann anderen gegenüber liebevoll und mitfühlend zu sein? Ich sag’s nicht gerne, aber: Willst du Himbeeren ernten, darfst du keine Brennnesseln pflanzen. So einfach ist das.

In diesem Sinne: Viel Spaß beim (Worte)Säen und (Reaktionen)Ernten. ;)

 

„Ein freundliches Wort kostet nichts und dennoch ist es das schönste aller Geschenke“ (Daphne du Maurier)

Quellen, Infos & Leseklicks: 

Die paradoxen Gebote könnt ihr auf randomhouse.de kostenlos als PDF downloaden: Die Paradoxen Gebote. Kent M. Keith. „Anyway“

[1]Kent.M.Keith:Anyway: Die paradoxen Gebote – Den Sinn des Lebens finden in einer verrückten Welt (Irsiana Verlag)
[2]Hannah Brencher: Wenn du diesen Brief findest…: Als ich einen Brief schrieb und tausende zurückbekam (Allegria Verlag)
[3]www.ted.com: Hannah Brencher: Love letters to strangers
[4] The World Needs More Love Letters«: http://www.moreloveletters.com/