Unentgeltliche Werbung ohne Auftrag. Denn: Dieser Post enthält Namens/Produktnennungen sowie verschiedene Verlinkungen, u.a. zu Instagram. Ich wurde von niemandem zu irgendetwas hiervon beauftragt.

Gelegentlich fühle ich mich wie ein aus der Zeit gefallenes Fossil. Oder wie ein Hypersensibelchen. Der Grund: Too much information. Immer öfter denke ich, dass ich „das“ eigentlich gar nicht wissen will – nur kannst du den „Informationen“ ja gar nicht so schnell aus dem Weg gehen, wie sie dir von überall her an den Kopf knallen. Dieser Informations-Overkill auf verschiedensten Kanälen stresst mich und er macht mir auch ein bisschen Angst…  

Ich bewundere Audrey Hepburn und natürlich Marilyn Monroe, die mich aus verschiedenen Gründen inspiriert. Stellt sich mir die Frage: Würde mich Marilyn auch noch faszinieren, wenn sie mich via Social Media ausgiebig an ihrem Leben hätte teilhaben lassen?

Schmollmund und Chanel No.5

Morgens ein #nomakeup-Schmollmund, dann ein #healthybreakfast. Im Lauf des Tages ein paar #fromwhereistand-Posts mit Blick hinter die Kulissen und ein paar #meandmyfriends-Bildchen mit den berühmten Kollegen. Auch immer  mit dabei: das #yummy #healthyfood vom #lunch und abends ein vermutlich bereits leicht alkohollastiges #Duckface und das #cozy-Gedöns auf Satin. Dazu gäbe es intime Details, mit entsprechenden Bildern garniert. Vermutlich hätte sie cocktailumnebelt auch den einen oder anderen Seelenstriptease hingelegt. Und ihre traumatische Pflegefamilien-Vergangenheit thematisiert. Die misslungenen Beziehungen. Oder darüber sinniert, wie frustrierend es war, permanent das „blonde Dummchen“ geben zu müssen, weil das nun mal der Kunstfigur entsprach, die sich so gut verkaufte. Und zu guter Letzt hätte uns Marilyn zwischendurch wohl immer mal wieder ein paar Produkte ans Herz gelegt. Etwa #schanelleno5 #chanelno5 oder ihre eigene Schmuckkollektion. Gut möglich, dass ich von Marilyn – abhängig vom Auftritt – recht schnell genug gehabt hätte.

Sex and the Crash

Kann ich die Filme mit Marilyn weiterhin genießen, muss ich seit letztem Jahr meinen imaginären Reset-Knopf drücken, ehe ich eine „Sex and the City“-DVD einwerfe. Denn: Es ist ein Drama, ein wirkliches Drama. Ich habe Sex and the City geliebt. Nun nicht gleich ab der ersten Folge, aber dafür später umso mehr – meine DVD-Collection ist schon ganz abgegrabbelt. Ich habe mich gelegentlich zwar durchaus mal gefragt, ob so unterschiedliche Frauen wie Carrie, Samantha, Miranda und Charlotte wohl auch im echten Leben dauerhaft befreundet sein könnten, aber andererseits… wen interessiert’s? Es ist nur eine Serie – allerdings eine verdammt gut. Und dann… wählte ich mit „und dann“ mal wieder einen meiner liebsten Satzanfänge, der Germanisten die Haare zu Berge sehen lässt kam der Instagram-Post, der mir zwar entging, der Presse aber nicht und somit bekam auch ich Wind davon. Am 10. Februar 2018 schoss Kim Cattrall via Instagram einen Kommentar in Richtung Sarah Jessica Parker ab, in dem sie unter anderem schrieb: „Du bist nicht meine Freundin.“ Bäm. Es kam, was kommen musste. Denn natürlich wurde die Geschichte durch die entsprechende Berichterstattung so richtig hochgekocht, en détail durchgekaut und am Ende hatte es wirklich jeder verstanden: Carrie und Samantha – beziehungsweise Sarah und Kim – konnten sich in Wirklichkeit nicht ausstehen. Auch nicht während all der Jahre, in denen sie glaubhaft „beste Freundinnen“ mimten. Das allerdings haben sie gut überspielt. Chapeau!

Raum für Phantasie?

Ich habe keine Ahnung, was genau zwischen meinen beiden liebsten „Sex and the City“-Charakteren abging, aber ehrlich gesagt interessiert es mich auch nicht, da ich keine von beiden persönlich kenne. Ich finde es traurig und schade, dass sich zwei Menschen so spinnefeind sind, so wie ich es immer traurig finde, wenn sich Menschen so in die Haare geraten – aber man kann halt nicht jeden mögen und manchmal passt es einfach nicht. Dennoch bin ich froh und dankbar, dass Marilyn und andere Ikonen dieser Zeit zwar im Mittelpunkt des Interesses standen, dabei aber nicht jeden Streit oder – noch schlimmer – jede Banalität mit der Öffentlichkeit teilen und intimste Details mit chirugischer Präzision aufbereiten konnten. Klar, wie sollten sie auch? Ihnen haben schlicht Instagram & Co gefehlt und zum Glück hat niemand ihre Tagebücher geklaut und extrem geltungssüchtige „Freunde“ schienen sie auch nicht gehabt zu haben. Vielleicht war ihnen allerdings auch bewusst, dass eine Projektionsfläche umso größer ist, je weniger man von sich preisgibt und je mehr vom Außenstehenden hinein interpretiert werden kann. Möglicherweise hatten sie aber auch einfach ein gutes Gespür für das, was sie mit der Öffentlichkeit teilen wollten und was nicht. Oder sie besaßen, so wie Audrey, ein zurückhaltendes und bescheidenes Wesen, so dass es ihnen schlicht absurd erschien, mit jeder ihrer Befindlichkeiten an die Öffentlichkeit zu gehen.

Celebrity: „Pseudo-Ereignis in menschlicher Gestalt“

Vielleicht trennt sich hier aber auch lediglich die Spreu vom Weizen. Oder eben Star von Sternchen. Denn es sind selten die Stars, die mit Verbaldiarrhoe und jeder seelischen Flatulenz an die Öffentlichkeit gehen. Es geht ja nicht nur um diese „Pseudo-Informationen“, mit denen ich irgendwie umgehen muss, wenn sie mich versehentlich erwischen. Es ist schlicht ermüdend. Denn mal ehrlich: Wo bleibt da noch Raum für Phantasie? Wie soll ich mich auf etwas freuen oder gar etwas vermissen können, wenn jede Stunde ein Status-Update auf meinem Display aufploppt? Und warum sollte ich mich näher mit einem Menschen beschäftigen wollen, der mir ohnehin mehrmals täglich brühwarm private Details auftischt? Was natürlich die Frage aufwirft, warum sich überhaupt jemand dafür interessiert. Der Historiker Daniel J. Boorstin bezeichnete Celebrities 1961 als „Pseudo-Ereignis in menschlicher Gestalt.“ [1] So weit, so nachvollziehbar, so unspektakulär. Wäre da nicht das, was ich im sehr interessanten „Der Kampf um Aufmerksamkeit“ von Kristina Nolte gelesen hätte.

Die Dipl. Kommunikationswirtin  [ich betone das so, um deutlich zu machen, dass sich die Frau wirklich mit der Materie beschäftigt hat und nicht nur so hobbyphilosophisch und küchenpsychologisch wie ich] spricht den Celebrities  – die sich im Gegensatz zu den Stars eben nicht durch ein besonderes Talent hervortun, allerdings bekannter als der „Durchschnittsmensch“ sind  – nämlich eine Orientierungs- und Ordnungsfunktion zu. Die Celebrities leben nicht nur stellvertrend für uns unsere (unerreichbaren) Wünsche und Bedürfnisse, sie haben, laut Nolte, auch „die Funktion der Welterklärung und die Definition der Kultur von Göttern übernommen.“ Weiter schreibt sie: „Celebrities spiegeln kulturelle Werte und Handlungsmöglichkeiten. Pominente Persönlichkeiten können helfen, Veränderungen und Werte abzubilden und verständlich zu machen.“ Denn die Menschen brauchen, so schreibt Nolte, „Erklärungsmuster, die Ängste und Unsicherheit nehmen, Komplexität absorbieren und Kultur beschreiben.“

Früher hielt sich der unaufgeklärte Tor, für den Blitze ein Zeichen der Götter waren, je nach Sichtweise also an Athena, Brigid, Diana oder Durga. Und wir, die wir in einer weitestgehend erklärbaren und entmythologisierten Welt leben, finden unsere zeitgenössischen Göttinnen auf RTL und Pro7. Ich möchte weinen nun nicht bei jedem Gewitter zitternd dasitzen und denken, dass Zeus und Hera ja mal wieder einen Mordskrach haben weil er vermutlich die Zahnpastatube nicht richtig zugeschraubt hat, den sie hoffentlich schnell beilegen werden, ehe mir hier unten alles um die Ohren fliegt. Aber ich gestehe, dass mir „der aufgeklärte Mensch“ ein klitzekleinesbisschen Angst macht. Oder sogar ein bisschen mehr. Die Geister Götter, die wir riefen… live und in Farbe auf RTL. Da bekommen Dschungelcamp & Co doch eine ganz neue Bedeutung.

 

MarilynCover

P.S: Marilyn schrieb übrigens tatsächlich – allerdings waren ihre Texte lange Zeit nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Zumindest nicht, bis 2010 „Tapfer lieben“ (Fragments) veröffentlicht wurde, in dem sich einige ihrer persönlichen Aufzeichnungen, Gedichte und Briefe befinden. Die persönlichen Aufzeichnungen wurden  ausgerechnet dort „gefunden“, wo sich Marilyn sicher fühlte – im Appartment von Lee Strasberg, der nicht nur ihr Schauspiellehrer, sondern zugleich auch ein Freund und Mentor war. Strasbergs dritte Frau Anna – nicht persönlich mit Marilyn bekannt- gab in einem Interview zu Protokoll: „Marilyn hat Lee alles hinterlassen, weil sie ihm vertraut hat.“ Und Anna Strasberg war es, die Marilyns Aufzeichnungen für die Öffentlichkeit zugänglich machte. „Aus großer Liebe für Lee und großem Respekt für Marilyn heraus“, so ihre Begründung. Kein Kommentar.

Das Buch habe ich mir am 26. Dezember 2014 bestellt – alleine schon wegen des Covers. Seitdem steht es dekorativ in erster Reihe im Regal. Über das Vorwort hinaus habe ich allerdings noch nichts gelesen, weil es sich anfühlt, als würde ich in einem fremden Tagebuch blättern. Vielleicht schaue ich irgendwann  mal rein. Vielleicht aber auch nicht…

Quellen, Infos & Leseklicks:

[1]Daniel J. Boorstin:Das Image: Der Amerikanische Traum (Rowolt Verlag, 1991)
[2]Kristina Nolte: Der Kampf um Aufmerksamkeit: Wie Medien, Wirtschaft und Politik um eine knappe Ressource ringen (Campus Verlag, 2005)
[3]Elle.com: Why Does Kim Cattrall Hate Sarah Jessica Parker? A Timeline of the Sex and the City Feud
[4]Spiegel.de: Sex and the City: Streit zwischen Kim Cattrall und Sarah Jessica Parker