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Lange Zeit hing an meinem Kühlschrank eine Postkarte mit dem Merksatz „Nicht perfekt ist auch gut.“ Das vergesse ich gelegentlich, denn der besonders in den Medien und den sozialen Netzwerken vorgelebte Perfektionismus geht nicht spurlos an mir vorbei. Das perfekte Leben, so scheint es, ist möglich. Gibt ja genug Menschen, die uns das täglich vorleben. Doch ehe ich mein perfektes Leben leben kann, muss ich selbst perfekt werden, weil… äh… es mir ein Bedürfnis ist, mein wahres Selbst freizulegen oder so ähnlich. 

Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber ich habe ständig das Gefühl, dass das Leben zunehmend zum Projekt wird, bei dem es immer nur Optimierungsbedarf gibt. Zurücklehnen und das Erreichte würdigen? Selbstverständlich. Abends bei einem Gläschen Wein oder einem schönen Bad – und tags darauf geht’s dann munter weiter, denn es gibt noch so viel zu erreichen und das Leben ist ein einziges Abenteuer. Da verkniffene Klassenstreber allerdings out sind, muss das alles total unangestrengt, lässig und easy peasy wirken  – und hier kommt die richtige Motivation ins Spiel, denn selbstverständlich stresst uns dieser Zwang zur Optimierung überhaupt nicht, da wir ja von Natur aus dafür brennen, die beste Version von uns selbst zu werden. Das wurde uns quasi in die Wiege gelegt – denn anderenfalls wären wir ja als Kuh zur Welt gekommen, die tagein und tagaus wiederkäuend auf der Weide steht und auf Persönlichkeitsentwicklung schei… äh… pfeift. Wissta Bescheid. Und so heißt die Urmutter aller Lügen dann auch: Schatz, es ist nicht das, wonach es aussieht Ach, ich tue nur das, wofür ich brenne und schon läuft alles wie von selbst, ich muss mich gar nicht anstrengen… 

Superwoman fliegt wieder…

Der normalen Frau ist es also folglich ein Bedürfnis, ihr optimal optimiertes wahres Selbst freizulegen. Manche haben das sogar schon getan und nun sitzen sie völlig unberührt von allen Schönheitsidealen und Zeitgeistphänomenen dort, wo sie immer sitzen und sind mit sich und der Welt im Reinen. Mit dieser werberesistenten Frau kann man natürlich nicht wirklich werben wen willst du denn damit unter Druck setzen?! und so wird sie zwar gerne mal kurz aus der Ecke gezerrt, um ihre buddhagleiche Gelassenheit zu rühmen – die wir doch bitte auch anstreben sollen – allerdings kann niemand ernsthaft wollen, dass wir einfach mit uns zufrieden sind und allen Selbstoptimierungsprogrammen trotzen. Wo bleibt da der Gewinn?

Die etwas werbewirksamere Superwoman-Version wandelt auf spirituellen Pfaden und bezeichnet sich selbst als „total undogmatisch“. Das undogmatische Geschöpf ernährt sich streng vegan oder makrobiotisch ausgewogen, sitzt ab 4 Uhr in der Früh erst auf dem Meditationskissen und danach auf der Yogamatte praktiziert am Morgen erstmal diszipliniert Yoga und Meditation – natürlich nur in den „richtigen Klamotten“ – und findet zwischen Kräutertee und Misosuppe mal eben Zeit, um gegen „dogmatischen Spirit-Junkies“ oder fleischfressende Yogis zu ätzen sich liebevoll über andere Yogis zu äußern. Sehr inspirierend. Ein Wesen aus Licht und Liebe. So schön.

Und dann gibt es natürlich noch die extrem werbewirksame Superwoman-Version. Sie sieht aus wie Megan Fox oder Giselle Bündchen, weil der liebe Gott es beim Herstellungsprozess halt extrem gut mit ihr gemeint hat und zwecks kosmetischer Instandhaltungsmaßnahmen sind lediglich ein bisschen Schlaf und 2 Liter Wasser am Tag nötig. Diese Wahnsinnsfrau wuppt Hammerjob, Hund, Katze, Maus und Familie, geht regelmäßig zum Sport [nicht wegen der Figur, sondern weil sie sie ihre überschüssige Energie irgendwo loswerden muss] und hat selbstverständlich ein fantastisches Liebesleben. Nebenbei zieht sie gerade ihren eigenen Online-Shop für Wohnaccessoires oder edle Klamotten auf, weswegen sie zwecks Warenbeschaffung durch die ganze Welt jettet. Und nebenbei engagiert sie sich auch noch für die Rettung eines seltenen ostindischen Regebogenkäfers, weil der total süß ist. Das Beste ist allerdings: Sie ist überhaupt nicht gestresst, weil sie ja nur das tut, wofür sie brennt und wenn es mal läuft, dann läuft es halt. Superwoman hat sogar noch Kapazitäten frei sie braucht halt nur 3 Stunden Schlaf, da kannste nix machen und im Grunde ist sie eigentlich sogar total unterfordert, weil ihr nun mal alles einfach so zufliegt.

Slow. Flow. Örks.

Wer sich eher ausgebrannt fühlt und die heilige Quality time mit wem auch immer am Ende eines langen Tages vor dem Fernseher verpennt, kann da ganz schön ins Schleudern geraten und sich ein wenig unter Druck gesetzt fühlen. Und so bringt dieser Optimierungswahn logischerweise eine pseudo-relaxte Gegenbewegung mit sich, an deren Spitze kuschelige Wohlfühlmagazine stehen, die es auf eine Auflage bringen, von der andere Zeitschriften nur träumen können. Die Kuschelhefte dieser Welt bieten scheinbar eine Auszeit von diesem „Optimize yourself“-Wahn, der offenbar nicht nur mich nervt – denn ich kaufe nicht 210.000 Flows [sondern nur eine] oder 123.211 Ausgaben der Happinez und 216.000 der Slow [sondern nur alle paar Monate eine, wenn mir das Cover gefällt – steht eh immer das Gleiche drin]. Und nachdem ich einige dieser Wohlfühlheftchen für die „überdurchschnittlich gebildet, beruflich engagierte, einkommensstarke und urbane Frau“ konsumiert habe, stelle ich für mich fest, dass ich wohl nur bedingt zur Zielgruppe gehöre weil ich nicht besonders gebildet… äh… nicht besonders einkommensstark bin. Nämlich dann, wenn ich ein paar besonders miese Tage hatte und ich mir eigentlich nur ein paar Superzündis für meinen auf Notbetrieb laufenden Akku wünsche.

Blöde nur: Diese „Komm mal runter“-Magazine sind zweifelsohne ganz hübsch anzuschauen, aber letztendlich handelt es sich dabei nicht um Superzündis, sondern auch wieder nur um „Optimize yourself“-Kram. Nur andersrum. Sei achtsam, höre auf dein Herz und deine Seele, lebe deinen Traum, wirf die Uhr weg und vertrödele den Tag und lege ganz entspannt und mit ganz viel Yoga und Meditation dein optimiertes Selbst frei, strahlend, schön und stark. Bla, bla, bla. Toll. Druck von zwei Seiten. Nämlich von der, die zu perfekt ist, als dass ich sie jemals erreichen könnte und wollte und von der, die mir Druck macht, mir doch einfach mal weniger Druck zu machen und endlich das loszulassen, was mich stresst. Na wenn das mal so einfach wäre und sich mit den beiligenden Postkarten und Malheftchen in den Griff bekommen ließe…

Auf der Jagd nach dem perfekten Puzzleteilchen…

Nur, damit wir uns nicht falsch verstehen: Perfektion ist ja nicht per se schlecht. Denn wenn wir nichts erreichen wollten, wären wir immer noch mit den schicken Flitzern von Fred Feuerstein und Barney Geröllheimer unterwegs. Aber es kommt eben mal wieder aufs richtige Maß an. Fakt ist: Wenn ich nicht extrem aufpasse, was ich lesender- u. surfenderweise konsumiere, habe ich irgendwann das Gefühl, in einem gigantischen Lifestyle-Kaufhaus zu stehen, in dem ich in meiner Währung leider nichts bezahlen kann. Stattdessen führt mir dieses Glitzerland-Kaufhaus lediglich vor Augen, was ich verpasst habe, was ich nie haben werde und was ich nie sein kann.

Darüber hinaus scheine nicht nur ich in diesem Lifestyle-Kaufhaus Probleme zu haben. Auch andere Konsumenten irrlichtern hektisch durch die endlosen, von der Decke bis zum Boden vollgestopften Regalreihen, um die perfekte Wahl zu treffen. Perfekt meint dabei laut der Philosophin Rebekka Reinhard in „Die Sinn-Diät“: Es ist effizient, effektiv, produktiv, schnell zu kriegen, teuer anzusehen, günstig zu haben und mit dem größtmöglichen Lustgewinn ausgestattet. Klar, dass sich die Suche bei dieser Vielzahl von Möglichkeiten nicht so ganz einfach gestaltet. Da wird recherchiert, verglichen und geprüft – stets im Bestreben, auf jeden Fall das Beste rauszuholen und sich nur ja nicht mit zu wenig zufriedenzugeben, Und letztendlich halten wir uns sicherheitshalber so viele Optionen wie möglich offen – sagen erst in letzer Sekunde zu oder ab oder melden uns überhaupt nicht mehr – nur für den Fall, dass sich vielleicht doch noch was Besseres findet. Was ja wahrscheinlich ist, immerhin können wir dank des Internets weltweit die Lagerbestände checken. Glücklich macht das zwar nicht, aber für Glück ist ja immer noch Zeit – wenn wir nur erst das nächste perfekte Puzzleteilchen für unser Projekt „Mein perfektes Leben“ gefunden haben.

Scheint perfekt zu sein?

Es ist ja nicht so, dass Perfektionismus eine Erfindung des Internets ist – es gab ihn schon immer. Aber er hat sich gewandelt. Vor einigen Jahren schien es durchaus legitim zu sein, sich für eine Sache richtig ins Zeug zu legen und das auch zuzugeben. Und heute? Gibt es Showmaker, die scheinbar mühelos ein Erfolgserlebnis nach dem nächsten einfahren – und dabei blendend aussehen. Was lernen wir daraus? Perfektionismus ist zwar weiterhin ein Muss – aber Perfektionisten mag niemand. Ebenso wichtig wie das Ergebnis ist also diese gewisse Lässigkeit, mit der man zu Höhenflügen ansetzt. Unsere Anstrengungen sind nicht der Rede wert – uns fällt alles in den Schoß. Never let them see you sweat. Und die Ansprüche steigen…

Psychologin, Autorin und „Perfektionismus-Expertin“ Dr. Christine Altstötter-Gleich („Perfektionismus: Mit hohen Ansprüchen selbstbestimmt leben“) stellt wenig überraschend fest, dass wir andere Menschen zunehmend nach verschiedenen Leistungskriterien bewerten. Sehen sie gut aus? Sind sie sportlich? Was für einen Job üben sie aus? Wir bewerten – und haben dadurch natürlich selbst immer öfter das Gefühl, Höchstleistungen erbringen zu müssen. Schließlich wollen wir nicht durchs Raster fallen. Gleichzeitig verschwinden die Nischen, in die sich all jene zurückziehen können, die diesen Maßstäben nicht mehr genügen. Ein Teufelskreis. Und der Druck, immer perfekter werden zu müssen, steigt. Doch wofür?

Superwoman ist nicht unsere Freundin…

Sheryl Sandberg, die Karriere und Familie vereint, schreibt in ihrem Buch: „Wenn man alles haben will und erwartet, „alles“ auch noch perfekt hinzubekommen, ist die Enttäuschung vorprogrammiert.“ [1] Ernüchternd, das von einer Frau zu hören, die gemäß der Leistungskriterien bisher doch ein ziemlich erfolgreiches Leben geführt haben müsste. Auch Gloria Steinem ( US-amerikanische Feministin, Journalistin und Frauenrechtlerin) sagt:  „Alles geht nicht. Kein Mensch kann zwei Vollzeitjobs machen, perfekte Kinder haben, drei Mahlzeiten am Tag kochen und bis zum Morgengrauen multiple Orgasmen haben… Superwoman ist die Gegenspielerin der Frauenbewegung.“ [2] Und in „Neuland“ schreibt Ildikó von Kürthy sehr treffend:

„Letztlich musst du dich damit abfinden, dass du so bleibst, wie du von Anfang an gedacht warst. Aus einem Daihatsu wird nie ein Maserati und umgekehrt. Vielleicht kannst du ein paar kleine Korrekturen an dir vornehmen, aber bestimmt keine komplette Wesensveränderung. […] Wir sind, wer wir sind, und es ist ein schlimmes Laster unserer Zeit, dass wir glauben, wir dürften nicht so bleiben, wie wir sind.[3]

Wahre Worte, traurige Worte:

Es ist ein schlimmes Laster unserer Zeit, dass wir glauben, wir dürften nicht so bleiben, wie wir sind.

Vielleicht sollten wir uns mal von kleinen Kindern unterrichten lassen – das sind nämlich wunderbare Lebenslehrer, die Dinge aus Spaß an der Freude machen und die auch ohne Postkarten und Malheftchen wissen, dass „unvollkommen vollkommen okay ist“ oder dass „nicht perfekt auch gut ist“. Allerdings nur, bevor ihnen von uns beigebracht wird, dass man nicht über den Rand malt und sie – unweigerlich? – den von Autor und Journalist Klaus Werle beschriebenen Weg einschlagen: „Weil wir stets allen Ansprüchen genügen wollen, vergessen wir, uns auf das zu konzentrieren, was uns Spaß macht und worin wir wirklich gut sind. Weil wir permanent Schwächen ausbügeln, können wir unsere Stärken nicht ausspielen.“ [4]

Was ich von Shonda Rhimes gelernt habe…

Die eingangs erwähnt Postkarte habe ich mittlerweile übrigens entsorgt und stattdessen das Buch von Shonda Rhimes in Sichtweite deponiert. Warum? Weil ich das Buch mag. Und weil Shonda darin eine herzerwärmende Anekdote zum Besten gibt, die ich liebe und die mein Augenöffner war.

Shonda führte nämlich einst einen Krieg gegen ihre Haare, die sie mit Lockenstab und tonneweise Spray in die Form zwingen wollte, die sie bei Whitney Houston so bewunderte. Wenn ihre Haare nur so liegen würden wie die von Whitney, dann wäre ihr Leben auch so perfekt. Es kam, wie es kommen musste: Shondas Haare gewannen den Kampf und sie arrangierte sich wohl oder übel mit dem, was sie auf dem Kopf hatte. Jahre später hatte sie während eines Friseurbesuchs allerdings ihr Aha-Erlebnis. Die Friseurin steckte Shonda nämlich, dass sie die ganze Zeit einem Phantom nachgejagt war. Oder eher, der Perücke, die für Whitneys tollen Look verantwortlich war. Im Buch schreibt Shonda dazu:

„Ich konnte nur noch an all die Zeit und die Liter von Haarspray denken, die ich verschwendet hatte. Ich durchlebte noch einmal den unvermeidlichen Kummer, das Gefühl, versagt zu haben, und die Unsicherheit, die ich jeden Morgen verspürt hatte, wenn mein Haar sich einfach nicht meinen Wünschen fügen wollte. Wenn ich gewusst hätte… wenn mir jemand gesagt hätte… dass mein Haar NIEMALS so aussehen würde, egal was ich tat… Wenn ich doch nur gewusst hätte, dass nicht einmal Whitneys Haar sich so legen ließ…[…] Doch ich muss zugeben, dass ich auch einen Hauch von Erleichterung verspürte. Denn nun wusste ich: Ich hatte nicht versagt. Mir hatte einfach nur die Perücke gefehlt.“ [5]

Zumindest ich werde, wenn ich mal wieder an mir und meinem Leben zweifele, an Shondas Geschichte denken. Und mich fragen, ob mir vielleicht einfach nur die Perücke fehlt. Die von Whitney oder von wem auch immer. Und mal ehrlich… wenn ich überhaupt eine Perücke haben wollte, dann wäre es ohnehin die von Pipi Langstrumpf, alles andere ist doch langweilig. ;)

Quellen:

[1] u. [2] Sheryl Sandberg: Lean In. Ullstein Verlag (2015)
[3] Ildikó von Kürthy: Neuland. Rowolt Taschenbuch (2016) [->zur Kurz-Rezi]
[4] Klaus Wehrle: Die Perfektionierer: Warum der Optimierungswahn uns schadet – und wer wirklich davon profitiert. Campus Verlag (2010)
[5] Shonda Rhimes: Das Ja-Experiment. Heyne Verlag (2016) [zur Rezension]