Zeit ist kostbar. Und wer ständig vor dem Fernseher sitzt oder sich in Romanwelten flüchtet, anstatt die To-do-Liste abzuarbeiten und Fachbücher zu wälzen, verschwendet wertvolle Lebenszeit und wird es nie zu was bringen. Richtig? Denkste. Filme, Lieblingsserien oder Romane können nämlich sehr viel mehr als nur ein netter Zeitvertreib sein. 

Es ist – zumindest gefühlt – noch nicht sooo lange her, dass ich ständig in die Bücherei tigerte, um mir neuen Lesestoff zu besorgen. Ganz oben auf der Liste standen die Klassiker von Enid Blyton, nämlich „Hanni und Nanni“ oder „Dolly“, während ich „Die fünf Freunde“ – oder die ausnahmsweise nicht von Blyton stammenden „Die drei ???“ – lieber als Kassette nach Hause schleppte. „Die drei ???“ höre ich ehrlich gesagt noch immer recht gerne zum Einschlafen und auch das Lesefieber hat mich nie verlassen – aber die Lesevorlieben haben sich geändert.

Oder eher: Immer öfter beschlich mich das Gefühl, dass so ein Tag eigentlich viel zu wenig Stunden hat, um noch ins Geschichtenland abzutauchen. Lesen? Klar, total wichtig! Zumal ein Leben ohne Bücher für mich auch undenkbar ist. Aber Romane? Dann vielleicht doch eher Fachbücher oder irgendwas, um den Horizont zu erweitern. Auf die Idee, dass das auch mit Romanen klappt, wäre ich nicht gekommen. Bis ich in einer alten Flow auf ein Interview mit der Psychologin Maja Djikic stieß und während des nachfolgenden Googlens mal wieder vom Hölzchen aufs Stöckchen kam – oder eben auf Therapien, die auf die unterstützende Kraft von Büchern und Filmen setzen. Getreu dem Motto: „Der Seele starke Bilder zuführen, damit sich der Mensch auf seinem Lebensweg nicht in der Flut der Bilder und Reize verliert.“ [1]

Es muss nicht immer Fachliteratur sein

Der englische Schriftsteller D.H.Lawrence sagte einst: „In Büchern stößt man seine Krankheiten ab – wiederholt Gemütsbewegungen, sie aufs Neue darstellend, um sie zu meistern.“ Auch Maja Djikic, eine Psychologin der Uni Toronto und selbst Leseratte, bricht eine Lanze für die Belletristik. Im Rahmen einer Studie ließ sie hundert Studenten wahlweise Sachtexte oder Fiktion lesen. Das für Booknerds erfreuliche Ergebnis:

Im Auge des Hurrikans: Die Romanleser konnten durch die unvorhergesehenen Situationen, mit denen sie beim Lesen konfrontiert wurden, auch besser mit unklaren oder überraschenden Situationen im echten Leben umgehen.

Offen für neue Informationen: Diese geistige Flexibilität versetzte sie in die Lage, besser(e) Entscheidungen treffen zu können.

Mehr Mitgefühl: Außerdem schulte das Einfühlen in verschiedene Romanfiguren die Empathie – was sich auch im täglichen Leben bemerkbar machte.

Das Lesen von Fiktion ist also gewissermaßen eine Generalprobe fürs Leben, so Djikic. Und sie sagt weiter: Meine Forschungsergebnisse bieten Menschen die Freiheit, das Lesen eines guten Buches als Intrument zur eigenen Entwicklung zu betrachten.“ (Quelle: Flow Nr.2, „Warum Romane schlau machen“)

Das lässt mich einen Roman doch schon mal mit ganz anderen Augen betrachten. Und was immer ein Aufenthalt in Hogwarts oder Avalon auch ist – er ist definitiv keine Zeitverschwendung… das war er allerdings ohnehin noch nie, Studien hin oder her.

Und natürlich kann die Seele beim Abtauchen in fremde Lesewelten auch wunderbar auftanken. Nicht umsonst schreibt Thomas Saum-Aldehoff in „Reisen ins Anderswo“: „Der Urlaub in der Fiktion biete Erholung von der anstrengenden, selbstfokussierten Aufmerksamkeit, die uns durch den Alltag begleitet: endlich mal frei sein von der ständigen Bewertung und Kritik des eigenen Tuns! Lasst doch mal andere für mich handeln, andere sich sorgen und grämen!“ (Quelle: Psychologie heute, 09/2011)

Soulfood für die Seele

Was mit Büchern funktioniert, klappt auch mit Filmen und Serien – das nennt sich dann Kino – oder Cinematherapie. Das Wiener Anton-Proksch-Institut etwa setzt die Kinotherapie im Rahmen der Suchtbehandlung ein. Es geht nicht nur um Entzug oder Behandlung der Symptome. Sondern auch darum, einen neuen Lebensschwerpunkt zu setzen und dabei u.a. kognitive und emotionale Kräfte zu mobilisieren und das gelingt mithilfe verschiedener Puzzleteilchen. Die Wiener Zeitung schreibt darüber: „Im Blickpunkt stehen dabei vor allem zwei Ressourcen – jene des Möglichen und jene des Schönen. Wenn wir etwas für möglich halten, dann entwickeln wir besonders viel Kraft, das auch umzusetzen. […]Auch Filme können zu einer Veränderung der Lebensführung beitragen. Bei der sogenannten Kinotherapie werden Filme gezielt eingesetzt, um bestimmte Situationen erlebbar zu machen. Gefühle oder Handlungsweisen können so aus sicherer Distanz bearbeitet werden.“ [2]

In der Kinotherapie verwendete Filme sind u.a.:

Und täglich grüßt das Murmeltier: Mit dem Film wurde ich nie so richtig warm. Was vielleicht auch an der Botschaft lag. Stellt euch doch mal eben vor, ihr hättet die Chance, euer Leben – genau so, wie es jetzt ist- wieder und wieder zu leben… wie wäre eure Reaktion? Wenn ihr da nicht „Holy shit“ denkt, seid ihr auf einem guten Weg.

Zusammen ist man weniger allein: Gilt quasi als Sinnbild für den „gegenteiligen Domino-Effekt“, der zeigt, wie Menschen einander aufrichten können. [Vielleicht auch ein Film, den ich mir mal anschauen sollte – das Buch und ich haben nicht zueinander gepasst]

Eat, Pray, Love: Ist ja beinahe ein Klassiker für alle, die nach dem Sinn suchen. In der Kinotherapie ist der Film ein Plädoyer dafür, einfach mal zu machen. Ohne Plan. Und darauf zu vertrauen, dass sich alles fügen wird. Denn erst wenn wir bereit sind, den ersten Schritt zu machen, geschehen Dinge, die sonst nie eingetreten wären. [Die Botschaft unterschreibe ich absolut… wenn sie mir doch nur in einem anderen Buch/Film gereicht werden könnte… mit beidem wurde ich nicht warm und das Buch liegt immer noch angelesen hier rum.]

Serien: Feelgood auf Knopfdruck

Gute Nachrichten auch für Serienfans, denn Lieblingsserien können der Seele ebenfalls Gutes tun. Forscher der Universität Buffalo fanden heraus, dass uns das wiederholte Anschauen unserer Lieblingsserien positive Energie gibt. Es hat ein wenig was von einem „Treffen mit Freunden“ und das lädt den Akku wieder auf. Was ich bestätigen kann, allerdings habe ich als absoluter Serienmuffel nur eine Serie, die als Akku-Ladestation fungiert und das ist „Sex and the City“. Zwei bis drei der 25-minütigen Folgen wirken tatsächlich wie ein Kurzurlaub.

Darüber hinaus, so die Forscher, sorgt die Wiederholung dafür, dass wir uns weniger auf den Handlungsablauf konzentrieren müssen und uns einfach mal „berieseln lassen“ können. Das ist den Forschern zufolge  „Wellness fürs Gehirn“ und zugleich eine  Art der „Fernsehmeditation“, die Platz für Neues schafft und der Seele dabei hilft, neue Kraft zu schöpfen. Und auch das kann ich bestätigen. Aber sowas von. Denn wenn die Gedanken mal wieder Achterbahn fahren oder sich das Hirn anfühlt, als hätte ein durchgeknalltes Eichhörnchen das Regiment übernommen, hilft mir nichts besser beim Runterkommen als einer meiner Lieblingsfilme. Lieblingsfilm meint: Ich habe ihn schon so oft gesehen, dass ich viele Passagen mitsprechen kann. Und ja, selbstverständlich habe ich es in diesen „Eichhörnchen übernimmt Hirn“-Fällen schon mit Yoga oder Meditation probiert, aber ich muss leider gestehen, dass das Eichhörnchen diesen Kampf gewinnt, beim Lieblingsfilm hingegen gibt es Ruhe. Oder beim Sport.

Bye-bye Reality?

Dieser Post soll nun kein Freifahrtschein fürs Binge-Watching sein [denn das hat durchaus seine Tücken] oder dazu aufrufen, ständig in irgendwelche Romanwelten zu flüchten, während das echte Leben aufgeschoben wird. Wenn ihr aber auch zu denen gehört, deren innerer Antreiber gerne mal am Rumnörgeln ist, von wegen: „Mach doch mal was Sinnvolles… die Zeit hättest du aber auch klüger nützen können… du kannst doch nicht zum zwanzigtausendsten Mal Harry Potter schauen … mimimi“, dann ist dieser Post für euch. Und sollte die Seele zu einem vermeintlich völlig unpassenden Zeitpunkt darauf bestehen, wieder und wieder einen bestimmten Film anschauen oder unbedingt diesen einen Roman lesen zu wollen, dann hat das möglicherweise einen Grund. Ich hinterfrage das nicht mehr, sondern schnappe mir einfach den entsprechenden Film oder Roman.

Ich selbst hänge übrigens seit Tagen in der „Herr der Ringe“-Schleife. In Wort und Bild. Das kann natürlich an diesem so gar nicht vorfrühlingshaften Wetterchen liegen. Faszinierend, mit wie vielen Grauschattierungen der Himmel so aufwarten kann – aber von mir aus dürfte es jetzt auch gerne mal ein bisschen sonniger werden. Vielleicht möchte mir meine Seele aber auch etwas sagen. Im Zweifelfall: Du brauchst mehr Sonne. Oder: Vergiss die Mär von Aschenputtel und den beknackten Schuhen, die dein Leben verändern können. Nimm dir lieber ein Beispiel an Frodo. Der setzt nicht auf Schuhe, sondern auf Schmuck. ;)

Anmerkung: Dieser Post verfolgt keinen therapeutischen Ansatz und er soll nicht den Anschein erwecken, als würde es bei psychischen Problemen genügen, sich lediglich den passenden Roman oder Film zu Gemüte zu führen. Wenn ich euch damit inspirieren kann – und nichts anderes ist der Sinn dieses Blogs – dann freut es mich, alles andere besprecht bitte mit dem Fachmann/der Fachfrau eures Vertrauens. 

Quelle, Infos u. Leseklicks:

Intensiver ins Thema einsteigen könnt ihr u.a. mit dem Buch von Birgit Fellinger: „Spielfilme in der Psychotherapie“. Das Buch wendet sich allerdings primär an Psychotherapeuten, denen Fellinger die „heilenden Spielfilme“ nahebringen möchte.

[1] docplayer.org: Martin Poltrum: Reiz und Rührung. Cinematherapie in der stationären Suchtbehandlung
[2]wienerzeitung.at: Der Mensch als Maß
[3]faz.net: Bibliotherapie – Literatur wirkt wie Medizin
[4]zeit.de: Manchmal hilft nur noch ein gutes Buch

 

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