Die ultimativen Erfolgstipps findet ihr im Netz zuhauf. Wobei zwischen Theorie und Praxis ja auch Welten liegen. Ich beispielsweise besitze theoretisch eine Menge an Wissen, welches – praktisch korrekt angewandt – zu einem großartigen Leben führen müsste. So großartig, dass ich dieses Wissen eigentlich monetarisieren und andere in die Kunst der perfekten Lebensführung einweihen könnte…

Was ich theoretisch natürlich auch tun könnte – nur kenne ich eben mein Leben und bin, theoretisch und praktisch, ein ganz miserabler Lügner. Aber andersrum wird ein Schuh draus. Oft weiß ich nämlich, was ich nicht will und das ist ja schon mal die halbe Miete. Und demzufolge ist es natürlich auch klasse zu wissen, wie es nicht funktioniert – und das ist in der Tat mein Spezialgebiet. Theoretisch und praktisch. Also: Gelernt vom Leben. Oder: Wie ihr euer Leben Projekte direkt an die Wand fahren könnt. Schnell und zuverlässig.

How-to: Ab ins Unglück

#1 Beginne Neues mit einer möglichst hohen Erwartungshaltung: Es ist sehr hilfreich, wenn du mit einer nahezu utopischen Erwartungshaltung an die Sache rangehst. Egal an welche – vor allem aber an neue oder herausfordernde. Das i-Tüpfelchen: Setz dich dabei zusätzlich zeitlich extrem unter Druck. Ob du nun von der Pike auf das Fotografieren erlernen willst, beruflich neu/wieder durchstarten oder deine Social-Media-Präsenz bekannter machen oder einfach nur nicht beim ersten Marathon deines Lebens kollabieren möchtest… starte unbedingt mit der Idee, dass du das alles in vier Wochen gebacken haben wirst.

#2 Türen werden überbewertet – immer schön mit dem Kopf durch die Wand: „Das eigene Ding durchzuziehen“ ist richtig und wichtig. Und weil es nicht umsonst Bücher wie „Du bist dein Guru“ gibt, ist es völlig überflüssig, das eigene Tun regelmäßig zu hinterfragen, um es auf Sinn und Nutzen hin zu überprüfen. Du weißt, was gut für dich ist – darum tust du es ja. Und nimm auf keinen Fall qualifizierte Hilfe in Anspruch, denn wie gesagt: Du bist dein Guru und niemand kennt dich so gut wie du dich selbst. Es hat nichts mit dir zu tun, dass du immer wieder vor den gleichen Problemen stehst und keinen Schritt weiterkommst. Also schön den Kopf an die immergleiche Stelle der Wand rammen und nur nicht die angrenzende Tür benutzen oder eventuell mal den Schlüsseldienst rufen.

#3 Lass andere deine Entscheidungen treffen: Gibt ja diese Situationen, die einen kreuzunglücklich machen. Und in denen einem dennoch der Mut fehlt, Entscheidungen zu treffen, um etwas zu verändern. Da hilft dann Trick 17. Du würdest z.B. am liebsten deinen Job kündigen, hast aber keinen Plan B in der Tasche? Dann gibst du Arbeiten grundsätzlich auf den letzten Drücker ab oder sorgst dafür, dass du die Arbeit so schlecht wie möglich machst. Auch schön: Zu Verabredungen mit Örksen Freunden – oder wem auch immer – stets zu spät kommen und aller Welt blumig und ausschweifend erklären, wie es dazu kam und dass du überhaupt nichts dafür kannst … anstatt am Zeitmanagement zu arbeiten. Ziehst du das konsequent durch, musst du keine Entscheidungen treffen. Denn wenn du deine Sache richtig gut machst, werden diese Entscheidungen von anderen getroffen…

#4 Vom idealen Umgang mit Fehlern: Fehler passieren, als besonders wirkungsvoll erweist sich allerdings die Methode, grundsätzlich nicht aus Fehlern lernen zu wollen. Weil: Shit happens und Schuld haben überhaupt immer nur die anderen. Es liegt nicht an dir. Niemals. Falls dieses Schuldzuweisungsding nicht dein Fall ist: Eigene Fehler unnötig aufbauschen. Versinke nach jedem noch so kleinen Fauxpas im Selbstmitleid und schäme dich in Grund und Boden und noch tiefer. Idealeweise quälst du dich noch Jahre später für längst vergangene Fehler – zur Not gräbst du halt ein bisschen in der mentalen Kindergartenkiste – da ist dir bestimmt mal das Tuschwasser ausgekippt oder du hast zu wild mit dem Schäufelchen um dich geschlagen- und wirst, aus Angst vor weiteren Fehlern, am besten überhaupt nicht mehr aktiv.

#5 Gefühle sind am allerwichtigsten, sie sind das Größte! Also betrachte deine Gefühle bitte als kleine Tierbabys, die stets gepflegt und gehätschelt werden müssen. Du hast dir etwas vorgenommen, aber „du fühlst dich urplötzlich doch nicht danach“? Dann cancelst du alles und legst erst los, wenn du dich denn irgendwann mal wieder „danach fühlst“. Höre währenddessen gut in dich hinein, um jedes noch so kleine Seelenfürzchen zu ergründen. Das gibt zwar im Lauf der Zeit ein ganz schönes Auf und Ab, das eventuell auch ein klitzekleines bisschen anstrengend für dich und deine Mitmenschen werden könnte, aber hey, wir reden von Gefühlen! Und die sind nun mal das Salz in der Suppe und wer das nicht nachvollziehen kann, ist ohnehin ein gefühlskalter Eisklotz, mit dem du nichts, aber auch gar nichts zu tun haben möchtest. Viva la Diva.

#6 Everybody’s Darling: Es ist extrem wichtig, dass dich die Menschen mögen, mit denen du es zu tun hast. Alle Menschen. Egal welche. Auch die, du du am liebsten von hinten siehst. Und natürlich müssen dich auch die mögen, mit denen du nicht persönlich verkehrst. Die Rede ist von diesem ominösen „Man“, der gerne mit „das macht man aber nicht“ oder mit „das haben wir aber noch nie so gemacht“ um die Ecke kommt. Dieser „Man“ lässt sich wunderbar mit vorauseilendem Gehorsam zufriedenstellen, am besten bleibst du immer schön unter dem Tarnumhang, dann passiert dir nichts. Und beim Rest deiner Mitmenschen musst du halt einfach sehr sensibel die Zeichen der Millisekunde erkennen und entsprechend handeln.

#7 Bezieh alles auf dich. Aber auch wirklich alles. Der Busfahrer hat komisch geschaut? Der Hund der Nachbarin auch?! Hat die Amsel heute Morgen nicht auch ziemlich hochnäsig den Schnabel in die Luft gereckt? Und dann noch dieser Idiot, der dir den letzten Parkplatz weggeschnappt hat! Das hat der doch absichtlich gemacht, um dich zu ärgern und nur deswegen! Wahrscheinlich ist er drei Stunden um den Block gekurvt, um dich abzupassen. Steigere dich mal so richtig in die Sache rein und denke tagelang über blöde Blicke/Kommentare von Menschen nach, die am Ende deines Lebens nicht mal eine Fußnote in deiner Biografie sein werden. Wenn du dich denn danach fühlst, sowas zu schreiben.

#8 Der Cinderella-Effekt: Halte unbedingt Ausschau nach dem galanten Retter Ritter, der auf seinem edlen Ross namens Godot in dein Leben preschen wird. Oder identifiziere dich sehr mit der märchenhaften Cinderella, die tagein und tagaus in ihre alten Pantinen schlüpft, bis ihr eine gute Fee goldene Pantoffeln schenkt, in denen sie endlich ihren Prinzen kennenlernt. [By the way: Gibt es eigentlich auch eine Fortsetzung von Cinderella? Vielleicht: „Cinderella: Was danach geschah – die Silberhochzeit“?] Keine Fee in Sicht und auch kein verdammter Gaul? Egal. Warte unbedingt darauf, dass du „entdeckt“ wirst oder dass dich irgendwer aus deinem Schlamassel befreit. Werde auf keinen Fall selbst aktiv.

#9 Alles läuft super – boah, wie öde ist das denn? Es gibt diese Phasen, in denen alles wunderbar läuft. Vielleicht ein bisschen zu wunderbar, wenn du im Grunde deines Herzens der Gattung der Dramaqueen angehörst? Dann lasse guten Gewissens deinen kleinen Troll – oder wie auch immer dieser Saboteur bei dir heißt – von der Leine. Vor allem, wenn der kleine Troll kein Fan von ruhigen Bergseen ist und am liebsten durch reißende Stromschnellen tollt. Beispiel: Die Beziehung läuft angenehm unaufgeregt, also bricht er immer mal wieder einen kleinen Streit vom Zaun. Über lebensnotwendige Dinge. Etwa: Warum steht der Honig schon wieder im Kühlschrank? Oder: Was hat die herrenlose Socke da zu suchen? Der kleine Troll beherrscht die Klaviatur der hier aufgezählten Punkte meisterlich und er hat es voll drauf, sich an Nichtigkeiten hochzuziehen und aus Mücken Elefanten zu machen. Oder ein eigentlich ereignisloses Leben zu einer Dramödie aufzublasen, die wenigstens einen unterhält… ihn selbst. Und vielleicht dich.

All das sind – bis auf #3 – von mir persönlich erprobte Verhaltensweisen, mit denen ihr euch wirkungsvoll selbst ausbremsen könnt. Sie rauben euch viel Zeit und Energie, die ihr sehr viel sinnvoller einsetzen könntet. Etwa, um das zu erreichen, was möglich wäre. Also: Lest das… und macht es dann genau andersrum. Das könnte gut werden… ;)

Gottesanbeterin

Lektüre, um das Prinzip noch ein wenig zu verinnerlichen: 

  • Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein
  • Luisa Francia: Spielend scheitern. Leidfaden für Frauen mit 13 Tips zum Mißerfolg

[Fotos: Beitragsbild- Canva, Praying Mantis- Gratisography]

 

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