Es gibt diese Geschichten, die mich mitten ins Herz treffen. Und manchmal finde ich sie ausgerechnet dort, wo ich weiß Gott nicht damit gerechnet hätte. Das sind die Momente, in denen ich verdammt dankbar dafür bin, dass ich meine Nase doch recht unvoreingenommen in Bücher, Heftchen und Magazine verschiedenster Couleur stecken kann, um mir fast überall ein paar Inspirationshäppchen für meine Mood- und Mut-Boards zusammenpicken zu können. Heute geht es um Mut. Und den Unmut über getroffene, bzw. nicht getroffene Entscheidungen. Oder die Frage: Wenn nicht jetzt, wann dann? 

Blitzschlag Nr. 1 traf mich neulich, als ich die „Donna“ am Wickel hatte, die mich am Zeitschriftenstand magisch anlockte. Nicht, weil das Cover in knalligem Orange leuchtete, sondern weil es darauf pseudorotzfrech hieß: „Ich will’s nochmal wissen. Sorry, aber Lebensfreude und Risikobereitschaft sind keine Fragen des Alters.“ Yay, das ist doch mal ein Statement und es ist so schön zu wissen, dass meine Lebensfreude nicht mit dem Alter abenhmen muss – ob ich mir als Vehikel allerdings einen 15 Jahre jüngeren Mann „nehmen muss“… ?! Hm… ich denke das wäre mir zu anstrengend darüber nach…

Zwei Frauen, zwei Geschichten…

Was mich beim Durchblättern allerdings fesselte, war ein Artikel über Jane Fonda. Wobei es weniger der Artikel selbst war, sondern genau ganze zwei Sätze von Jane Fonda. Die mittlerweile 81-Jährige sagte nämlich: „Meine Sucht zu gefallen, hat fast mein ganzes Leben bestimmt.“ Und: „Erst mit Anfang 60 konnte ich mich akzeptieren und schön finden.“ [1] Ich gebe zu, dass ich einige Minuten brauchte, um das zu verdauen, obwohl ich mit Jane Fonda bisher ehrlich gesagt nicht besonders viel am Hut hatte.

Eine Geschichte, die mich noch mehr berührte, ist die von Sally Kabat (Mutter des Achtsamkeits-Gurus Jon Kabat-Zinn). Sally Kabat machte im Alter von 80 Jahren das, wofür ihr all die Jahre zuvor nach eigenen Angaben der Mut gefehlt hatte. Sie verließ ihren Ehemann, zog in eine andere Stadt und nahm die Malerei wieder auf. Mit 95 Jahren hatte sie ihre erste Kunstaustellung, den 100. Geburtstag beging sie mit einer großen Einzelausstellung. In dem 2015 veröffentlichten Interview sagte Jon Kabat-Zinn: „Sie ist jetzt 101. Wier telefonieren jeden Tag, sie ist fantastisch. Sie malt inzwischen nicht mehr, hat aber Hunderte von Zeichenblöcken mit alten Arbeiten, schaut sie sich jeden Tag an, arbeitet daran und sagt: ‚Mit 50 oder 60 war ich enfach nicht mutig genug.'“ [2]

Was ist wirklich wichtig?

Da schießt mir natürlich zwangsläufig das Buch in den Kopf, das es nicht nur auf die Bestsellerlisten schaffte, sondern auch in mein Bücherregal. Die Rede ist von: 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen. Ich weiß nicht so genau, warum ich das Buch gekauft habe. Denn mal ehrlich… muss ich mich wirklich mit dem Tod beschäftigen, um das Leben bewusster leben zu können? Was für ein Blödsinn. Mir ist durchaus bewusst, dass zwischenmenschliche Peanuts die Energie nicht wert sind, die ich aufwenden muss, um mich da „richtig reinzusteigern“. Oder irgendwelche Alltagsärgernisse… Ja, es ist ärgerlich, wenn mir der Bus vor der Nase wegfährt oder ich meinen Regenschirm vergessen habe und Petrus im Juli mal wieder „April, April!“ spielt. Aber kurz darauf ist es auch schon wieder vergessen. Und am Ende meines Lebens werde ich es sicher auch nicht bereuen, dass mir die zwanzigtausendste Rabattaktion des Jahres entging oder ich mir nicht den dreihundertsten schwarzen Pullover gekauft habe, der mein Leben erst perfekt gemacht hätte.  Zumindest hoffe ich inständig dass es nicht derartige Gedanken sein werden, die mich umtreiben.

Vergesst die kleinen Ärgernisse…

Aber nochmal kurz zum Buch von Bronnie Ware. Die australische Palliativkrankenschwester begleitete viele Menschen in den letzten Wochen ihres Lebens. Und so unterschiedlich die Lebensgeschichten dieser Menschen auch waren, so sehr ähnelte sie sich bezüglich der Dinge, die die Sterbenden am Ende bereuten. Viel zu oft sagten sie:

Ich wünschte, 

  • ..ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere   es von mir erwarten.
  • …ich hätte nicht so viel gearbeitet.
  • …ich hätte den Mut gehabt, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.
  • …ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden gehalten.
  • …ich hätte mir mehr Freude gegönnt.

Fehlender Mut wiegt besonders schwer…

Schon der erste Punkt liegt mir schwer im Magen, denn der ist in Bronnies Buch mit der Geschichte von Grace verknüpft. Grace war über fünfzig Jahre lang mit einem tyrannischen Ehemann verheiratet, dessen Wünschen sie sich fügte. Sie opferte sich für die Familie und den Haushalt auf, zog die Kinder groß und träumte währenddessen davon, unabhängig zu leben. Vielleicht auch zu reisen. Als Grace über 80 ist, wird ihr Mann ins Pflegeheim eingewiesen. Und Grace – bisher trotz des hohen Alters immer fit und gesund – beschließt, jetzt endlich zu leben. Kurz darauf diagnostizieren die Ärzte bei ihr eine unheilbare und rasch voranschreitende Krankheit. Auch bedingt dadurch, dass sie jahrzehntelang Passivraucherin an der Seite ihres Zigarette rauchenden Mannes war. Grace ist verbittert und wütend auf sich selbst, weil sie nie den Mut hatte, ihr Leben zu leben, als sie es noch leben konnte. Immerhin gibt sie Bronnie folgendes mit auf den Weg: „Lassen Sie niemals zu, dass irgendjemand sie von dem abhält, was Sie wollen.“

Grund zum Unmut. Oder: Hätte, hätte Fahradkette…

Menschen hadern allerdings nicht erst im Angesicht des Todes mit Entscheidungen, die sie getroffen haben oder eben nicht – sondern immer mal wieder. Besonders gerne natürlich auch dann, wenn Vergleiche* ins Spiel kommen oder wenn das Gefühl aufkommt, das Leben nicht optimal ausgeschöpft zu haben. Der Autor und Sozialpsychologe Neal Roese („If Only“) hat sich durch diverse Untersuchungen zum Thema gearbeitet und festgestellt, dass es rückblickend einiges gibt, was Unmut hervorruft. Etwa:

  • versäumte oder verpasste (Ausbildungs/Berufs-)Chancen
  • falsche Berufswahl
  • verpasste Chancen/schlechte Wahl in Liebesdingen
  • Elternschaft (z.B. zu früh oder gar nicht)

Es ist wohl typisch menschlich, dass wir ab und an verpassten Chancen nachtrauen oder uns im Geiste das wunderbare Leben ausmalen, das wir hätten haben können, wenn… Nur: Wie sinnvoll ist das? Die Antwort liegt natürlich klar auf der Hand: Es macht kreuzunglücklich. Zumal wir unsere Energie damit eben auf das richten, was – zumindest in unserer Fantasie- hätte sein können. Während wir uns dem eigenen Leben entfremden, anstatt es so zu gestalten, dass es uns glücklich(er) macht. Eindrucksvoll untermauert wird das übrigens von einer Studie mit 400 verheirateten Paaren, die gerne Seifenopern, Romanzen oder TV-Formate wie „Bachelor/Bachelorette“ schauten. Diejenigen, die die fiktiven Darstellungen für real hielten, hatten die fragilere Bindungsbereitschaft. Und in vertraulichen Befragungen gaben sie zu, häufiger von einem anderen Partner zu träumen. [4] Schockierend finde ich ehrlich gesagt weniger das Ergebnis, sondern viel mehr die Tatsache, dass es Menschen gibt, die in Pilcher-Schmonzetten, kitschigen Blockbustern oder „Scripted Reality“-Formaten wie „Der Bachelor“ keine Unterhaltung sehen, sondern anscheinend eine Blaupause fürs Liebesleben…? Ernsthaft? Das wird noch einen Post nach sich ziehen…

Es ist, wie es ist…

Klüger ist es natürlich, den eingeschlagenen Weg zu akzeptieren und idealerweise sogar einen Sinn darin zu sehen, anstatt sich in „Was wäre wenn“-Fantasien zu verlieren. Dafür muss man nun allerdings keine Studien wälzen oder Fachleute befragen, bisschen Lebenserfahrung genügt. Und nein, ich habe nicht gesagt, dass das leicht ist. Geschweige denn, dass ich ein Patentrezept dafür aus der Tasche ziehen könnte – aber wenn ich es könnte, dann würde ich es hier selbstverständlich als Freebie zum Download bereitstellen.

Was Bücher wie das von Bronnie Ware angeht: Vielleicht liegt das Bestsellergeheimnis auch darin, dass derartige Bücher Fragen aufwerfen. Und zwar ziemlich unbequeme Fragen. Was ja nicht verkehrt ist. Weil es nie zu spät ist, um zu überlegen, worauf es einem wirklich ankommt. Die Donna mit dem knallorangefarbenen Cover habe ich mir übrigens gekauft. Sicherheitshalber. Als Erinnerungsstütze. Falls ich mal wieder vom Weg abkommen oder ins Straucheln geraten sollte.

* Was Vergleiche angeht: Der Psychologe Shane Lopez schlägt eine selbstreferenzielle Herangehensweise vor. Sprich: „Wenn es um Erfolge oder Leistungen geht, sollten wir uns selbst zum Maßstab nehmen: Wie habe ich mich in den wichtigen Punkten weiterentwickelt oder verbessert? Was waren realistische Ziele, die ich hätte schaffen können?“ [5] Das klingt so bestechend simpel und logisch, oder? Würde der Teufel nur nicht mal wieder im Detail stecken, aber da steckt er ja immer besonders gerne.

Infos, Quellen und Leseklicks:

[1] Donna 4/2019: „Die starke Jane“
[2] Flow Nr.12: Interview mit Jon Kabat-Zinn: „Alles, was wir brauchen, ist schon da“
[3] Bronnie Ware: 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen
[4] Psychologie Heute Nr.5: „Nichts zu bereuen“
[5] Psychologie Heute Nr.5: „Trotz alledem viel erreicht“

 

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