Liebe ist alles. Liebe ist die geheime Superpower, die Hindernisse überwindet und alle Schwierigkeiten auf den Misthaufen kickt. Aber das Beste an der Liebe: Sie ist, um es mit Carrie Bradshaw zu sagen: Zsa Zsa Zsu (oder wie auch immer man das schreibt). Und zwar von morgens bis abends. Direkt nach dem Aufwachen ein funkensprühendes und wunderkerzengleiches Tête-à-Tête zwischen Kaffee Ingwerwasser und Marmeladentoast Breakfastbowl. Abends Feuerwerk à la Pyronale und die Wochenenden ein immerwährendes Picknick mit Erdbeeren, Champagner und gestärkten Servietten – auch im Winter. Könnte man zumindest meinen, wenn man ein paar Liebesfilme zu viel intus hat… und ein klitzekleines Problemchen damit, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden.

Es ist ein lauer Frühsommerabend. Kurz vor Ladenschluss. Er – Typ Surfer und herzensguter Weltverbesserer – hetzt noch schnell in den Bioladen, um ein paar Tomaten und anderes Grünzeug für die Pasta-Sauce zu kaufen. Sie – Typ Model und Karrierefrau – klemmt sich einen Starbucks-Becher zwischen die Zähne und setzt sich in ihren SUV, um einem stressigen Tag in der Unternehmensberatung mit ein paar Freundinnen im angesagten Spa der Stadt ausklingen zu lassen. Er kommt mit seiner zum Bersten vollgepackten Papiertüte aus dem Laden, voller Vorfreude auf die Sauce, die er gleich zaubern wird. Das Basilikumtöpfchen, das oben aus der Tüte spitzt, wippt neckisch im Takt seiner Schritte… doch ach… oh weh… die Tüte reißt! Die Tomaten purzeln auf die Straße und landen… genau vor ihrem SUV. Amor, du Schlingel. Sie kann gerade noch rechzeitig bremsen, ehe sie alles – inkl. seiner Wenigkeit – zu Ketchup verarbeitet. Leicht genervt springt sie aus dem Wagen, um ihm beim Einsammeln der Tomaten zu helfen… und da… sie greifen beide nach dieser einen Tomate, wobei sich ihre Finger leicht berühren… und Zsa Zsa Zsu! Die Tomate erbricht sich bricht auf, schickt eine roségoldene Funkenfontäne gen Himmel, Amor reckt triumphierend das Fäustchen in die Luft und die Vöglein zwitschern „I will always love you“. Fortan bereiten die beiden Turteltäubchen ihre Tomatensaucen gemeinsam zu.

Alles so schön rosarot hier…

So oder so ähnlich läuft das fast immer. Zumindest im Film. Es rumst, bzw. man rumpelt irgendwie zusammen, es funkt und britzelt und … Zsa Zsa Zsu… große Liebe. Und wenn man dabei  nicht vor Langeweile gestorben ist ein gewisses Lebensalter hat, bleibt diese Art der Gehirnwäsche natürlich nicht ohne Folgen, zumal sie ja doch relativ früh beginnt. So ab dem Kindergarten. Den Anfang machten bei mir nämlich Cinderella und Rapunzel – wobei ich die ehrlich gesagt fast noch perfider finde, wenngleich ich Märchen durchaus mag. Dennoch, was für ein verkorkster Kram ist das? Der arme Prinz darf seine Tomaten nicht einfach auf dem Markt kaufen, stattdessen muss er sich das Zeug hart erkämpfen, indem er in den finsteren Wald reitet, um Hexen, Zauberer und Drachen zu besiegen. Und hinterher? Darf er seine mühsam erbeuteten Tomaten noch nicht mal selbst essen! Stattdessen muss er sie standesgemäß seiner Angebeteten zu Füßen legen. Was für ein Hundeleben. Cinderella und Rapunzel indes können überhaupt nicht auf den Markt gehen, weil der von einer verzauberten Dornenhecke umschlossen wird, die nur ein Prinz kurz und klein häckseln kann. Wenigstens Rapunzel ist fein raus. Die isst ohnehin lieber gewöhnlichen Feldsalat.

Den Märchen folgten zauberhafte Liebesfilme mit Tränen, Wein-Orgien [das hochprozentige Zeug aus der verkorkten Flasche] noch mehr Tränen und einem märchenhaften Happy End. Und selbstverständlich litt ich, Folge um Folge und Staffel um Staffel, ganz schrecklich mit Carrie Bradshaw mit, die sich ein ums andere Mal an Mr. Big die Finger verbrannte, ehe die beiden… tadaa… dann doch noch ihr Happy End bekamen, wie sich das gehört. Gehirngewaschen, wie ich mittlerweile war, hatte ich verstanden… oh ja… das hatte ich: Liebe ist alles. Zsa Zsa Zsu.

Hollywood hat uns verarscht…

So weit, so gut. Gibt ja wahrlich Schlimmeres, woran man glauben kann, nicht wahr? Wäre da nicht der klitzekleine Haken, dass „die Liebe“, wie sie einem eben ständig im Hochglanzformat oder in (Märchen)Büchern um die Ohren fliegt, in etwa so realistisch ist wie Harry Potters Flug auf dem Hippogreif – und ich habe bewusst nicht „Besen“ geschrieben, denn man weiß ja nie. Und das führt dann möglicherweise dazu, dass man gelegentlich ein wenig aus der Spur gerät und beispielsweise in „Sex and the City“, „Bridget Jones“, „Liebe braucht keine Ferien“  oder „Scripted Reality“-Formaten wie „Der Bachelor“ keine Unterhaltung mehr sieht. Sondern eine vermeintliche Blaupause fürs Liebesleben.

Glaubt ihr nicht? Dann zitiere ich mich mal fix selbst: Es gibt eine Studie, die mit 400 verheirateten Paaren durchgeführt wurde, die gerne Seifenopern, Romanzen oder TV-Formate wie „Bachelor/Bachelorette“ schauten. Diejenigen, die die fiktiven Darstellungen für real hielten, hatten die fragilere Bindungsbereitschaft. Und in vertraulichen Befragungen gaben sie zu, häufiger von einem anderen Partner zu träumen. [1] Leider wurden weder Alter der Probanden noch Dauer der Ehe(n) erwähnt. Allerdings es ist absolut schlüssig und logisch, dass einem die eigene Beziehung wie abgestandener Baldriantee vorkommen muss, wenn man Tag für Tag auf funkensprühendes Zsa Zsa Zsu hofft, das doch bitte in Gestalt des Sexiest Whatevers Alive daherkommen möge.

Ich liebe semi-schnulzige Filme und ich bin ein grooooßer Fan von Happy Ends, wenn nicht sogar der größte: #ohneHappyEndohnemich! Aber all die klugen Traumfabrikanten und Illusionsbeschwörer haben sich schon was dabei gedacht, dass sie die Zuschauer nur solange mit Holly Golightly und Paul Varjak schmachten lassen, bis die beiden regennass ihr Happy End besiegeln. Dass Holly vielleicht doch ein wenig zu oft bei Tiffany frühstücken möchte und Paul deshalb ein bisschen gnatzig wird, bekommen wir nicht mehr mit. Auch die zuckersüße Kiehl’s-Dauerwerbesendung Schnulze „Liebe braucht keine Ferien“ endet nicht umsonst mit dem ersten gemeinsamen Weihnachtsfest. Denn sonst würde uns Zuschauern möglicherweise das Licht aufgehen, dass die Liebe von Amanda und Graham durchaus mal Ferien nötig hätte. Spätestens im verflixten 7. Jahr.

Zsa Zsa Hä? Liebe trifft gemeinen Alltag

Was in so einem 90-minütigen Film logischerweise  keinen Platz findet, ist die Tatsache, dass die rosafarbene Brille irgendwann beschlägt. Und zwar heftig… schätzungsweise nach sieben Monaten. Ab dann sind die einst so „süßen Macken“ plötzlich gar nicht mehr so süß. Ich verdeutliche das mal – der Einfachheit halber extrem klischeehaft, wie sich das für eine Märchenleserin gehört weil Subtilität nicht die Sache des Internets ist- am Beispiel der eingangs beschriebenen Tomatensaucen-Turteltäubchen. Schnitt: sieben Monate später. Die heiße Tomatensauce ist mittlerweile leicht abgekühlt und die Sache gestaltet sich nun wie folgt: Er würde seine Herzdame ja irgendwie doch lieber auf dem Fahrrad sehen anstatt in diesem dreckschleudernden SUV. Und dieser Starbucks-Kaffee, den sie förmlich inhaliert… der geht gar nicht. Überhaupt nicht. Ebenso wenig die Designer-Couture, die unter fragwürdigen Bedingungen hergestellt wird und ohnehin viel zu teuer ist. Überhaupt sähe er es lieber, wenn sie ihre Talente jobmäßig mehr zum Wohle der Allgemeinheit einbringen würde. Ihr hingegen geht seine einst so süße Weltverbessererattitüde zunehmend auf den BioKeks. Ihr SUV hingegen geht ihr über alles und aufs Rad steigt sie höchstens im Spinning-Kurs. Und dass er so ein realitätsfremder Weltverbesserer ist, ist ja irgendwie niedlich, aber Sprit, Couture und die nächste Reise (Malediven, 5-Sterne-Resort direkt am Strand) müssen halt auch bezahlt werden. Prinzip ist klar? Die reizvollen Gegensätze sind wahrlich reiz-voll. Und sie sägen heftig an den Nerven.

„I like you very much. Just as you are.“

Genau hier greift allerdings tatsächlich ein Blockbuster – oder besser gesagt ein Satz, den ich unglaublich erhellend finde. Die Rede ist von „Das Tagebuch der Bridget Jones“ und diesem einen Satz von Mark Darcy, der – berechtigterweise – alle verzückt. Nämlich: „I like you very much. Just as you are.“ Das ist der springende Punkt (okay, einer der Punkte, aber für mich einer der wichtigsten): Just as you are. Nehme ich den Menschen, der da vor mir steht, tatsächlich so, wie er JETZT ist? Auch „auf die Gefahr hin“, dass er sich nie ändert (was er ja – siehe Mr. Big – auch nie versprochen hat)? Bedeutet im Fall von Bridget eben: Mark entscheidet sich – seinen eigenen Worten nach – für eine „verbal inkontinente alte Jungfer, die raucht wie ein Schlot und säuft wie ein Loch“. Die Jungfer können wir streichen, aber der Rest bleibt vorerst. Und wenn der gute Mark da bereits im Geiste die ersten Umerziehungsmaßnahmen à la „My Fair Lady“ geplant hätte, hätte der Film zweifelsohne einen realistischeren ganz anderen Verlauf genommen. Hat er aber nicht, wie wir wissen.

Liebe, Sonne, Yogi-Tee…

Ich glaube ja wirklich an die Liebe und ich denke auch, dass mit Liebe vieles leichter geht. Nun nicht der Abwasch oder die Bügelwäsche, aber generell ist es ein wunderbares Gefühl, so eine kleine Sonne im Herzen zu tragen, die sich übrigens nicht nur speziell auf „diesen einen Menschen“ richten muss, sondern tatsächlich auch so eine Art Grundeinstellung sein kann. Idealerweise. Ein Zustand, der sich mit sehr viel Yoga und Meditation, noch sehr viel mehr Yogi-Tee und dem einen oder anderen Ratgeber/Workshop/was auch immer erreichen lässt. Habe ich mir sagen lassen. Ich selbst erreiche diesen Zustand nur an 2-3 Tagen im Monat, aber ich bleibe dran.

Was allerdings diese überidealisierte und Carrie-mäßige „Liebe ist dauerhaftes Zsa Zsa Zsu“-Vorstellung angeht: Nach 25 gemeinsamen und 21 Ehejahren maße ich mir an sagen zu können, dass nur wenig der kleinen Sonne leichter den Saft abdreht, als diese Erwartungshaltung. Nix Zsa Zsa Zsu und Feuerwerk. Sondern Ofen aus und zappenduster. Desillusionierend? Nein, normalerweise überhaupt nicht. Vielleicht ist es der Altersweisheit geschuldet, aber ich empfinde es als unglaublich befreiend, dieses Hollywood-Gedöns in die Tonne gekickt zu haben.

Armer Mr. Darcy…

Was das Happy End für Bridget und Mark angeht: Die fiese Frau Fielding sieht ausgerechnet das nicht vor – zumindest nicht im letzten Roman, den ich so ätzend finde, dass ich ihn nur bis zur Hälfe gelesen habe und das war hart genug. Stattdessen segnet der arme Kerl das Zeitliche und Bridget trottelt wieder durchs Singleleben, um – Zsa Zsa Zsu – den nächsten Mr. Darcy aufzutindern. Schade. Was wäre das für eine Chance für Bridget und Mark (und die Fans der ersten Stunde) gewesen: Nicht nur sie sind älter geworden und haben sich verändert, sondern auch ihre Liebe. Wie schön hätte man zeigen können, dass Liebe im Lauf der Zeit Risse und Dellen bekommt und so manche Blessur davonträgt. So wie ein Gebrauchtwagen wir alle. Und wie schön hätte man uns Zuschauer miterleben lassen können, dass es unglaublich lohnend sein kann, an dieser Liebe zu arbeiten*, auf dass sie mit Bridget und Mark wächst und sich verändert… wenn sie – und wir – es denn zulassen. Anstatt ständig nach Zsa Zsa Zsu zu suchen oder davon auszugehen, dass ein „Happy End“ neu, glitzernd und aufregend sein muss… dauerhaft.

*Ja, arbeiten. An der Liebe arbeiten setzt für mich allerdings auch voraus, dass die Basis stimmt. Ansonsten… geht mal wieder Tomaten kaufen. ;)

P.S: Bei Nowshine gibt’s auch „Zsa Zsa Zsu oder Sex und die Ehe

[1] Psychologie Heute Nr.5: „Nichts zu bereuen“

 

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