Sei fleißig und häng dich rein, dann kannst du alles schaffen. Die Zukunft wird rosig werden! Und das Glück muss zweifelsohne in der Zukunft liegen, denn in der Gegenwart sind wir ja sehr damit beschäftigt, diese rosige Zukunft zu gestalten. Mittlerweile frage ich mich allerdings: Wann und wo beginnt denn diese Zukunft? Und was kostet sie mich? Muss ich dafür etwa mit der Gegenwart bezahlen? 

Als ich noch ein wenig kleiner jünger war, ging ich davon aus, dass ich „es“ mit um die 40 „geschafft haben würde“ – was auch immer „es“ mir in meiner Naivität zu sein schien. Auf jeden Fall würde „es“ leichter werden. Alles. Weil Lebenserfahrung ja von unschätzbarem Wert ist und all die Stolpersteine, die meinem heranwachsenden Ich vor die Füße polterten, dann eben keine mehr wären.

Märchen and the City

Eines Tages, da war ich mir sicher, würde ich tiefenentspannt in mir selbst ruhen und das wunderbare Leben genießen, das ich mir erschaffen hätte. Frauen um die 40 schienen so souverän, lässig und erfolgreich zu sein. Kurz: Sie waren einfach fabelhaft. Vielleicht war ich – wie das Wörtchen „fabelhaft“ schon vermuten lässt – auch ein klitzekleines bisschen „Sex and the City“-verkorkst. Schon klar, dass es da nicht mit rechten Dingen zuging. Mir zumindest ist keine Serie bekannt, die den Job hat, die Wirklichkeit so detailgetreu wie möglich abzubilden. Auch würde ich gerne mal diese eine Kolumne schreiben, die es mir ermöglicht, so einen Lifestyle wie Carrie Bradshaw zu führen. Wenn ich denn schreibe. Und nicht schon wieder in irgendeinem Restaurant sitze, um mit meinen Freundinnen – Schrägstrich: Karrierefrauen, die erstaunlicherweise auch öfter in Restaurants und Bars denn im Büro anzutreffen sind – zu klönen. Wie auch immer: Ich ging ich logischerweise nicht davon aus, irgendwann mal ein Leben zu führen, das dem von Carrie auch nur ansatzweise ähnelt -die Schreiberei mal ausgenommen.

Wenn schon rosig, dann aber richtig…

Dennoch hatte ich eine gewisse Erwartungshaltung an das Leben, was nicht zuletzt an dieser Wenn-dann-Haltung lag. Beispiele? Wenn du nur erst deine Ausbildung beendet hast, dann… Wenn du nur erst verheiratet bist, dann… Wenn dein Sohn nur erst erwachsen ist, dann… Wenn dein Text nur erst dort oder dort veröffentlich wurde, dann… Wenn du nur erst dieses Projekt an Land gezogen hast, dann… Und so wenn-dann-te ich mich durchs Leben. Darüber hinaus hatte ich, geschürt durch verschiedene Bücher und Artikel, selbstverständlich eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie Frauen ab den Vierzigern so sind (und nein, in meiner Vorstellung hatte der Konjunktiv nichts zu suchen. Das zeichnet Illusionen ja aus, dass sie quasi unumstößliche Wahrheiten sind):

• Sie suchen ihren Stil nicht mehr. Sie sind selbst Stilikonen.

• Sie suchen überhaupt nichts mehr. Sie haben gefunden. Alles. Und noch ein bisschen mehr.

• Sie lesen keine Ratgeber. Sie schreiben selbst welche.

• Sie stellen keine Fragen. Sie haben Antworten. Auf alles. Sogar auf die Fragen, die sie sich noch nicht gestellt haben.

• Sie zweifeln nicht. Weder an sich noch an ihrem Weg. Und sollten sie versehentlich doch mal zweifeln, dann fackeln sie nicht lange, sondern korrigieren sofort den Kurs.

• Sie werden vielleicht nicht „The Body“ genannt, fühlen sich aber trotzdem fantastisch in ihrer Haut. Immer. Jeden Tag.

• Sie wissen, was sie wollen und sie wissen, wie sie es bekommen. Und wenn sie es nicht bekommen, dann war es nicht für sie bestimmt. Ommm.

• Sie sind umtriebig wie Helene Fischer, kreativ wie Walt Disney und gelassen wie der Dalai Lama.

• Sie sind so cool und soverän dass sich Chuck Norris und Lara Croft regelmäßig von ihnen coachen lassen.

• Sie sind zu 100 Prozent weiblich, stehen aber in jedem Lebensbereich voll ihren Mann – und das noch besser als jeder Mann.

Außerdem halten sie weder Hunde noch Katzen, sondern Einhörner… ähm… okay, das war jetzt ein bisschen überzogen und möglicherweise steckt auch sonst ein wenig Übertreibung in der Aufzählung. Wie dem auch sei: Die Jahre kamen und gingen und zwischen Kind, Küche und Karriere Job hatten mich das Leben und meine Realität fest im Griff. Nun bin ich ziemlich dicht dran an Ende 40 etwas über Mitte 40 und denke: Hallo? Ich bin über 40 und definitiv nicht so fabelhaft, wie ich’s gerne wäre. Na gut. Vielleicht ein winziges bisschen an einem besonders guten Tag, wenn ich wirklich ganz und gar mit mir im Reinen bin. Aber dennoch stimmt da irgendwas nicht. Ich habe ein Wenn nach dem anderen abgehakt, doch das dazugehörige Dann ist definitiv weniger erfüllend, als ich mir das vorgestellt habe. Was habe ich verpasst? Wo sind die Einhörner? Und überhaupt: Wo bleibt die Belohnung dafür, dass ich es bis hierher geschafft habe? Wo ist „ES“? Wobei es natürlich helfen könnte, wenn ich genau wüsste, was „ES“ ist. Und jetzt kommt bitte nicht auf die Idee, mir dieses gruselige Buch von Stephen King zu schenken.

Out of the Flausch: Midlife-Reality

Tatsächlich gibt es nicht weniger Probleme. Sondern andere.  Manche Selbstunsicherheiten verschwinden, dafür tauchen neue auf – während mich andere seit Jahren treu begleiten, als wären sie ein blödes Kaugummi, das hartnäckig an der Schuhsohle pappt. Auch, und das ist vielleicht die größte Ent-Täuschung, gleicht das mein Leben unverschämterweise nicht an 300 Tagen im Jahr einer zartgrünen Wiese mit sich sanft im Wind wiegenden Blümchen und verliebt durch die Luft torkelnden Schmetterlingen. Schon klar, dass das Jahr 365 Tage hat, aber ich Schlaufuchs habe in weiser Voraussicht direkt ein paar schlechtere Tage eingeplant, so klug war ich dann doch. In meinen rosigen Zukunftsphantasien waren die guten Tage allerdings rosiger. Mit mehr Glitzer, Konfetti und Feuerwerk. Stattdessen erinnern sie mich eher an (m)einen Harry-Potter-Moment: Über acht Filme lang lief es auf den Showdown zwischen Harry und Lord Voldemort hinaus… und am Ende? Geht das so unspektakulär über die Bühne, dass ich mir verwundert die Augen reibe.

Mir schwant, dass ich die ganze Zeit einem Einhorn hinterhergelaufen bin wohoo… ich kann Einhörner sehen?! Wie cool ist das denn?! und an ein Märchen für Erwachsene geglaubt habe. Wenn du nur erst, dann… wartet am Ende eine rosige Zukunft auf dich. Wobei natürlich ein Blick über den Tellerrand geholfen hätte. Laut Achtsamkeitstrainer Rob Brandsma ist dieser Wahn, das Leben managen und kontrollieren zu wollen, nämlich typisch westlich.  Und während wir in der westlichen Welt sehr mit unvorhergesehenen Dingen hadern und es schnell als persönliches Versagen werten, wenn es nicht so läuft, wie wir uns das vorgestellt haben, gehört das in der fernöstlichen Lebenseinstellung einfach dazu. Dort akzeptiert man, dass das Leben einfach so läuft, wie es laufen will… und nicht so, wie wir es gerne hätten. Um das zu realisieren, muss man nun nicht gleich zum Buddhismus überlaufen, aber wie gesagt: Ein Blick über den Tellerrand schadet nicht. Denn manchmal ist das Gras auf der anderen Seite zwar nicht viel grüner… aber möglicherweise liegt mehr Konfetti drauf.

Bye-bye Erwartungshaltung

Es ist wohl an der Zeit, ein paar Bücher über den Buddhismus zu lesen diese Erwartungshaltung endlich mal loszulassen. Nicht mehr hoffnungsvoll auf dieses „eine große Ding“ oder auf das eine Erlebnis zu warten, das alles verändert. Sondern umzudenken. Und Schrittchen für Schrittchen zu gehen – mit so viel Spaß, wie es der jeweilige Schritt eben zulässt. Nichts gegen Hoffnung und Vorfreude – ich bin riesengroßer Fan von beidem! Aber das Leben ist zu kurz und zu kostbar, um Einhörnern hinterherzurennen oder Cinderella-like auf Feen zu warten, die generös mit verzauberten Pantoffeln um sich werfen. Sonst rauscht das einzigartige Heute an mir vorbei und am Ende fühle ich mich noch um mein Leben betrogen. Wenn ich allerdings schon in Richtung Buddhismus schiele mich allerdings schon von all dem Flausch in meinem Kopf verabschiede, dann nehme ich mir auch ein paar Freiheiten. Etwa die folgenden:

#1 Nicht alles wissen zu müssen und auch mal keinen Plan zu haben – sondern im jeweiligen Moment einfach nur zu schauen: Was ist jetzt der nächste Schritt? Was fühlt sich richtig an? Es ist kein Fünfjahresplan? Na und? Mir genügt es, die Richtung festzulegen und mich überhaupt erstmal in Bewegung zu setzen – der Rest wird sich finden. Denn mal ehrlich: Wie soll ich denn vom Schreibtisch aus alle Details planen, wenn ich noch nicht mal weiß, wie sich die Dinge entwickeln werden und wer oder was mir unterwegs begegnen wird?

#2 Noch mehr zu verinnerlichen, dass es die vermeintlichen Kleinigkeiten sind, um die es geht. Das sind keine Peanuts. Sondern das, was das Leben lebenswert macht. Es gibt nämlich – Überraschung! – keinen unausgesprochenen Deal, der irgendwann eingelöst wird. Und am Ende wartet auch keine Belohnung auf mich – dafür, dass ich so lange durchgehalten oder „es bis hierher geschafft habe“. Sondern die – hoffentlich schönen – Erinnerungen an das, was ich unterwegs eingesammelt und erlebt habe. Wie tragisch muss es sein, am Ende festzustellen, dass man ein Leben im Konkunktiv gelebt hat? Dass es nichts gibt, was erinnerungswürdig ist? Oder dass das Highlight des Lebens Urlaubsreisen gewesen sind, die man quasi buchen musste, um sich vom eigenen Leben zu erholen?

#3 Mich und das Leben nicht jeden Tag toll finden zu müssen, nur weil das gerade „in“ ist und es sich gut verkauft. Vielleicht schließe ich sogar Frieden damit, dass ich  manche Körperpartien zumindest derzeit einfach nicht so leiden mag. Ups, jetzt ist es raus… na sowas aber auch… und das in meinem Alter. Wie unsouverän…

#4 Mich noch ein wenig intensiver mit diesem konfuzianischen „Der Weg ist das Ziel“ auseinanderzusetzen. Und zu verinnerlichen: Ich darf genießen, Spaß haben und die Daumenschrauben ablegen – jetzt. Auch wenn ich (noch) nicht Dieses oder Jenes erreicht habe und es möglicherweise auch nie erreichen werde. Und das ist vielleicht die revolutionärste Einsicht von allen…

Und zu guter Letzt glaube ich natürlich trotz alledem weiter an Wunder. Ja, auch an die, die in Cremetuben wohnen – aber ebenso an alle anderen. Die Hoffnung stirbt nämlich zuletzt, gemeinsam mit mir. Aber vorher machen wir uns noch eine gute Zeit und lassen uns zur Abwechslung einfach mal ein wenig treiben. Ohne Wenn und Aber…

Frauen in den Vierzigern finde ich übrigens immer noch fabelhaft. Muss ich doch. Ich bin schließlich eine davon. ;)

 

Online zum Weiterlesen: Im Zusammenhang mit diesem Post habe ich mir einen Wunsch erfüllt und mir das Thema nicht nur schreibend erschlossen, sondern auch eine Fachfrau ausgequetscht zurate gezogen. Und ich bin sehr froh, dass sich Mag. Isabelle Diwoky Zeit für die Beantwortung meiner Fragen genommen hat. Das Interview lest ihr hier, wenn ihr mögt: Lebensmitte: Wunsch und Wirklichkeit

Für Booknerds: Falls das genau euer Thema ist, habe ich noch einen Lesetipp für euch. Nämlich: Worauf wartest du noch“ von Antje Gardyan. Angenehm bodenständiges Buch, fernab von jeglichem „Es ist alles nur eine Frage der Sichtweise“-Geschwafel. Gewissermaßen aus dem Leben, fürs Leben. Und wunderbar „erdend“ geschrieben. Ich habe es sehr gerne gelesen und hinterher gedacht: Hey, du bist ja völlig normal. „Es“ ist völlig normal. Und schon ging’s mir besser. ;)

 

Unentgeltliche Werbung ohne Auftrag. Denn: Dieser Post enthält Namens/Produktnennungen sowie Verlinkungen zu Blogs/Onlinemagazinen. Ich wurde von niemandem zu irgendetwas hiervon beauftragt.