Detox, „Verzicht auf“ und Lebensmittel, die „frei von“ sind, sind ja schwer angesagt – besonders zum Jahresanfang oder ganzjährig ab eines bestimmten Alters. Da wird gedetoxt, bis die letzte Hirnschlacke im Orkus landet und mit einer an Manie grenzenden Akribie jedes Zuckerkristall aussortiert. Aber wo bleibt der Spaß? Das Leben ist zu kurz für Wasser und Reiswaffeln… 

Es begann schleichend. Nach einem Glas Wein am Abend bekam ich Kopfweh, was nichts bedeuten muss, da ich schon nach zwei Mon Cherie beschwipst bin. Allerdings stand ich nachts senkrecht im Bett, weil ich partout nicht ein- oder durchschlafen konnte. Ich ließ schweren Herzens den Wein weg. Schweren Herzens, denn: Kultivierte Erwachsene trinken nun mal abends (nun nicht jeden Abend, sondern hin und wieder) ein Gläschen Wein und dazu gibt es Chips ein gutes Buch oder „Der Sternenwanderer“ * … äh… eine wertvolle Arte-Doku oder einen Film noir. Also Sachen, die ich nüchtern eher schwer ertragen kann.

Es folgte der nächste Tiefschlag: der durchschlagende Effekt von Milch, die mir plötzlich wahrlich auf den Magen schlug. Also ließ ich die Milch weg und trank nur noch schwarzen Kaffee. Und irgendwann lag mir zu spätes Essen zu schwer im Magen. Also lebte ich fortan von Luft und Liebe… ach nee… also versuchte ich es probehalber mal mit Dinner-Cancelling. Übersetzt: Ich esse normalerweise ab 18 Uhr nichts mehr. Und siehe da: Ich schlafe seither viel, viel besser. Ein und durch. Ist das nicht supi?

NEIN!

Ist es nicht!

Denn plötzlich traf es mich wie ein Schlag:

Ich. Werde. Alt. 

Immer schön verzichten…

Ich werde alt – was ja durchaus erstrebenswert ist, wenn man dabei 30 Jahre lang keinen Tag älter als 29 aussieht denn was wäre denn bitte die Alternative? Tja, eben… Arschkarte. Aber ich werde nicht nur alt, sondern mutiere auch zu einem der Wesen, die ich noch vor zwei Jahren schreibenderweise durch den Kakao gezogen habe. Offenbar habe ich eine Altersstufe erreicht, ab der man, wenn man nicht aufpasst und eine entsprechende Veranlagung hat, in diese „No Sex, no Drugs, no Rock’n’Roll. Just coffee for me, thanks“-Spirale rutschen kann. Die Spirale des Todes, wenn ihr mich fragt. Edgar Allan Poe hätte uns ab diesem Zeitpunkt in seine Story „Lebendig begraben“ eingearbeitet. Als Guy Carrell, dessen größte Angst es ist, lebendig begraben zu werden. Und nichts anderes ist dieser ständige Verzicht, der ab eines bestimmten Alters (oder Naturells?) scheinbar immer weniger verhandelbar wird, weil der Körper sofort angezickt ist und Warnsignale schickt – etwa Wassereinlagerungen, Faltulenzen und Falten. Also sicherheitshalber schön auf alles verzichten, was Spaß macht den Körper zickig werden und die Schönheit schwinden lassen könnte. Weg mit Fleisch, Weizen, Zucker und Alkohol. Und hin zu Lebensmitteln, die „frei von“ sind – weil sie randvoll mit uneingelösten Versprechen sind… du wirst schön, jung und gesund bleiben, wenn du mich isst. 

#zickezackezuckeristka*cke

Verzicht und Lebensmittel, die „frei von“ sind, sind ja überhaupt schwer angesagt – besonders zum Jahresanfang oder ganzjährig ab eines bestimmten Alters. Da wird gedetoxt, bis die letzte Hirnschlacke im Orkus landet und mit einer an Manie grenzenden Akribie jedes Zuckerkristall aussortiert. Und wer sich diesbezüglich nicht genug kasteit, etwa morgens weiterhin Kaffee statt Ingwerwasser trinkt und statt Radieschenscheibe auf Reiswaffel kackedreist rotzfrech zum Schinkenbrot greift, der soll hinterher gefälligst nicht jammern, wenn er fett und faltig ist und die Gelenke krachen. Schuld eigene. Stellt sich eigentlich manchmal jemand die Frage, wie ein Lemmy Kilmister mit seinem Lebenswandel 70 Jahre alt werden konnte? Das grenzt ja gemäß den Lehren der Ernährungsfundamentalisten und Detoxterroristen an ein Wunder.

Auch nicht wirklich hilfreich ist es, wenn Medien angesichts einer Frau, die mit Ende 40 noch faltenfrei ist – schier hyperventilieren. Ich würde ja mitjubeln, weil ich Frau Zampounidis nicht unympathisch finde, wäre sie nicht auch eine dieser Hardcore-Verfechterinnen von Verzicht. Vor über 10 Jahren hat sie Zucker rigoros von ihrem Speiseplan gestrichen und seither einige Bücher darüber geschrieben, um sich den Verzicht auf Zucker versüßen zu lassen. Meines Wissens nach trinkt sie allerdings auch keinen Alkohol (klar, Zucker) und darüber hinaus isst sie ab 16 Uhr nichts mehr. Da ist es nur fair, dass sie wenigstens strahlend schön aussieht, wenn sie mit knurrendem Magen zu Bett geht. „Kein Essen mehr nach 16 Uhr“ heißt es übrigens auch bei der filigranen Anja Kruse, die ausgerechnet in Essen geboren wurde. Geschichten, die das Leben schreibt…

Ich finde es zwar befremdlich, dass Menschen angesichts einer faltenfreien 47-Jährigen schier kollabieren, denn mal ehrlich: Wie sollen wir mit 47 Jahren und einem halbwegs intelligenten Lebenswandel denn aussehen? Wie eine zu lange gelagerte Rosine oder wie ein vom Wetter gegerbter Seemann? Dennoch muss ich gestehen, dass das alles nicht spurlos an mir vorübergeht und ich beim Blick auf Frau Z. auch schon überlegt habe, ob ich nicht mal konsequent auf Zucker verzichten sollte. Bisher kam mir aber immer irgendwas dazwischen. Etwa ein Knoppers oder ein Honigbrot.

Nicht ohne meinen Kaffee!

Mittlerweile droht allerdings das nächste Ungemach. Denn: Der Kaffee schmeckt mir nicht mehr. Er schmeckt einfach nicht mehr! Oder eher: Es schmeckt genau die erste Tasse und nur die… danach keine mehr so richtig. Der Cappuccino schmeckt schon länger nicht mehr, aber das liegt nicht an mir. Sondern an denen, die ihn zubereiten. Doch nun auch noch der Kaffee?! Aber nicht mit mir. Mir langt’s. Ich habe Wein überwiegend gestrichen, ich habe Milch überwiegend gestrichen und ich habe das Abendessen… äh… das Dinner überwiegend gestrichen. Aber der Kaffee bleibt. Kaffee ist mein Lebenselixier. Kaffee ist das perfekte Accessoire für den kreativen Lifestyle, mit dem ich liebäugele, da ich ja nun kein kultivierter Erwachsener mehr sein kann.

Kreativ ist fast noch besser als kultiviert, wenn ich allerdings kreativ sein möchte, brauche ich Kaffee. Weil durch die Adern von kreativen Menschen pures Koffein fließt. Das weiß jeder. Die Krönung des Kaffee-Lifestyles ist für mich übrigens ein (wiederverwertbarer) Coffee-to-go-Becher. Für wichtige und vielbeschäftigte Menschen ist das ein Must-have, da sie nämlich von Meeting zu Meeting hetzen. Und dabei haben sie nicht mal die zwei Minuten, um sich einen Espresso im Stehen reinzuschütten [italienische Frühstückskaffeekultur] oder sich gar ins Café zu setzen, um in Ruhe einen Kaffee zu trinken [Wiener Kaffeehauskultur]. Ein Coffee-to-go-Becher signalisiert: Ich bin wichtig, sehr beschäftigt, voll auf Koffein und mit mir und meinen Geniestreichen musst du jederzeit rechnen. Ich will auch jemand sein, mit dem man jederzeit rechnen muss. Also kann ich nicht einfach Wasser oder Tee trinken, es muss Kaffee sein. Das ist schließlich nicht nur irgendein auf Wasser basierendes Heißgetränk – sondern ein mit Vorstellungen überfrachtetes und maximal überidealisiertes Gebräu.

Die Birne Bohne des Psychopathen…

Psychopathen trinken ihren Kaffee übrigens gerne schwarz – las ich auf mittlerweile ca. 10.000 Seiten, die sich wahlweise auf diese eine, an 1000 Probanden durchgeführte Studie beziehen. Alternativ beziehen sie sich auf eine der Seiten, die sich auf eine Seite bezieht, die über diese eine Studie berichtet. Da es nun also in Stein gemeißelt ist, dass Psychopathen ihren Kaffee erwiesenermaßen schwarz trinken, habe ich sicherheitshalber ein wenig Kaffeeweißer in meinen Kaffee rieseln lassen. Um keine schlafenden Hunde zu wecken. Zumal ich ja auch gerne Radieschen esse – der Studie zufolge auch ein sicheres Indiz für eine psychopathische, narzisstische und sogar sadistische Tendenz (mein Gott… es sind doch nur… Radieschen?!). Anschließend sah ich mich für eine Millisekunde als diabolische und von Falten zerfurchte Alte, die sich mit dem Krückstock den Weg freiprügelt, ehe ich – über meinem Milchkaffee!!! – für einen Moment lang darüber nachdachte, ob ich mich … eventuell… gelegentlich vielleicht ein wenig zu sehr in manche Sachen reinsteigere. Das klingt völlig abwegig, finde ich auch. Aber ich werde der Sache trotzdem mal nachgehen.

Verzicht? Doof. Reue? Macht Falten.

Ich denke, ich werde mir demnächst eine Flasche Sherry [ja sorry, ein Glas Sherry kann ich ja nirgendwo kaufen] kaufen und mir einen Fingerhut davon genehmigen. Dazu lege ich einen unanständig seichten Film ein, der Arte-Redakteure zum Riechsalz greifen lassen würde. Sollte mich der Hunger nach 18 Uhr übermannen, was sehr wahrscheinlich ist, werde ich auf ein industriell hergestelltes Tiefkühlschmankerl (Pizza) zurückgreifen. Wenn schon sündigen, dann richtig.

Ja, es gibt Dinge, die ich mittlerweile weniger gut vertrage, das werde ich berücksichtigen. Aber generell gilt (wenn es sich nicht um eine Lebensmittelallergie oder echte Unverträglichkeit handelt) wohl eher: Die Dosis macht das Gift. Das Jahr hat 365 Tage und es sind weder das eine Glas Wein Sherry alle drei Wochen noch der gelegentliche Cappuccino oder mal eine Pizza am Wochenende, die mir auf den Magen schlagen und mich wahlweise fett und faltig werden lassen. Wenn es allerdings etwas gibt, was der Gesundheit und meiner inneren Sonne in höchstem Maße abträglich sind, dann sind es Verbissenheit und dauerhafter Verzicht auf alles, was Spaß macht oder Spaß machen könnte. Klüger wäre es wohl, es öfter mal mit Sophia Loren zu halten. Die sagte nicht umsonst: „Ich bereue nichts, von Reue bekomme ich Falten.“ Kluge Frau, diese Sophia. Und Sophia Loren finde ich wesentlich inspirierender als all diese zuckerkristallzählenden Ernährungsfundamentalisten und Detoxterroristen.

Und nur fürs Protokoll: Kaffee mit Milch schmeckt mir überhaupt nicht mehr. Ich finde ihn widerlich. Solange ich also nicht in den Genuss eines fabelhaften Cappuccinos komme, und den bringe ich erst ab dem Mittag runter, trinke ich meinen Kaffee schwarz. Weil es eine Sache gibt, die mich in der Tat zu einem grantigen Monster werden lässt: Und das ist ein Morgen, der nicht mit einem richtig guten Kaffee beginnt.

 

Lesetipp: Wunderbare Kolumne zum Thema gibt’s auch bei Doro von Nowshine. Alleine des genialen Titels wegen muss ich sie schon verlinken: Jesus hat Wein getrunken. Und nicht Tee. 

*Sehr unterhaltsamer (etwas schwarzhumoriger) Film nach dem gleichnamigen Roman von Neil Gaiman.  Schön schräg, genau mein Humor und nettes Popcorn-Kino mit teils tollen Landschaftsaufnahmen und klasse Schauspielern. Produziert wurde der Film übrigens von Matthew Vaughn. Der ist nicht nur der Mann von Claudia Schiffer, sondern auch mit Neil Gaiman befreundet. Glück muss man(n) haben. ;)

 

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