Noch nie wurden wir permanent mit so viel Schönheit konfrontiert. Ob Zeitschriften, Fernsehen oder Social Media – Schönheit lauert überall. Nicht mal das Wartehäuschen an der Bushaltestelle taugt zum Verschnaufen, denn auch dort wartet garantiert die nächste, großformatig plakatierte Schönheit auf uns. Das bleibt nicht ohne Folgen. Angesichts all dieser Schönheiten kann man sich plötzlich ganz schön hässlich fühlen. Und unter Druck gesetzt. Denn Schönheit ist mittlerweile nicht mehr nur nice to have. Sie wird zur Pflicht. 

Jede Kultur hat ihre Schönheitsideale und wohl noch nie wollte irgendwer freiwillig so unattraktiv und erfolglos wie möglich sein. In Frauenzeitschriften und Onlinemagazinen wird uns folgerichtig die Superfrau präsentiert, die locker alles auf die Reihe kriegt – selbstverständlich sieht sie dabei auch noch umwerfend aus. Instagram scheint die Zweigstelle all dieser weiblichen Wunderwesen zu sein – zumindest abhängig davon, wo man versehentlich landet. Film und Fernsehen haben – wen wundert’s? – leider auch keine gescheiten Role Models parat. Die erfolgsverwöhnte FBI-Agentin absolviert ihre mörderischen Tage in High Heels und mit perfekt sitzendem Haar, als ginge es nicht um Leben und Tod, sondern zum Vogue-Shooting. Und die brillante Chirurgin rettet mal eben ein paar Leben und nebenbei diverse Beziehungen in ihrem Umfeld und sieht dabei natürlich 24/7 atemberaubend gut aus. Die Ladys sind rundum perfekt – wäre da nicht diese winzigkleine Schwäche, z.B. für die Familieneispackung, die sie abends vor dem Fernseher auslöffeln und mit der sie uns Normalos zeigen ‚Hey, schaut her! Ich bin eine von euch!‘ Das Frauenbild in Werbeclips, Musikvideos, Flyern?! Ach… reden wir nicht darüber. Reden wir auch nicht darüber, welche Rollen für ältere Frauen übrigbleiben, wobei 50 ja das neue 30 ist und 60 das neue 40 oder so ähnlich.

Du darfst alles sein. Nur nicht unattraktiv…

Wie bitte? Das ist doch alles nur Fake, Social Media, Film und Werbung? Ja… schon klar. Ich weiß das und ihr wisst es auch. Aber an meinem Unterbewusstsein prallt das nicht einfach so ab. Und fragt mal, wie es den Heranwachsenden geht, die nur noch mit solchen „Vorbildern“ konfrontiert werden (und machen wir uns nichts vor: die Messlatte für den „Super“Mann liegt mittlerweile fast ebenso hoch). Das bleibt nicht ohne Folgen.

„Geschönte Fotos von Gleichgesinnten setzen uns offenbar stärker unter Druck als Fotos von Models“, so Psychologe Martin Gründl. [1] Und man beachte bitte die Feinheiten. Denn: Sie setzen uns unter Druck. Klar, weil wir dazugehören wollen. Es hat ein bisschen was von diesen Zeiten, die ich längst hinter mir zu haben glaubte. Damals wollte ich so gerne zu „den coolen Kids“ gehören. Zu denen, die rauchten und die coolen Klamotten trugen. Und heute? Bekomme ich das mit den Klamotten vielleicht auf die Reihe, müsste mich – abhängig von der Gesellschaft – aber fragen, ob meine Wangenknochen den richtigen Schwung haben und meine Haut den genau richtigen Bräunungsgrad oder Glow.

Christiane Zschirnt hat für ihr Buch „Wir sind schön“ Gespräche mit verschiedenen Frauen geführt und alle gaben zu, sich durch den Zwang zur Schönheit unter Druck gesetzt zu fühlen. Für viele Frauen war das sogar gleichbedeutend mit einer Einschränkung der Lebensqualität. [2] Kein Wunder, wenn die ersten Sonnentage im Frühling nicht mehr für Spaß und Leichtigkeit stehen. Sondern eine Mahnung sind, vor dem Griff zum leichten Kleid doch gefälligst erst ein wenig Selbstbräuner für den perfekten Bräunungsgrad aufzulegen. Oder den Körper noch schnell mit Sport und Diät in Form zu bringen, damit er, befreit von Strickpulli und dickem Mantel, nicht unschön auffällt. Christiane Zschirnt schreibt:   

„Wenig verunsichert die gestandene Powerfrau so sehr wie die Befürchtung, nicht gut auszusehen. Nichts kränkt das Alphamädchen so sehr, wie in den Verdacht zu geraten, nicht sexy zu sein. Kaum etwas setzt der „starken Frau“ so stark zu wie ein sichtlich geblähter Bauch.“ [2]

Doch was sind ein situativ bedingter Blähbauch oder zu blasse Beine verglichen mit Falten und nachlassendem Bindegewebe, zu schmalen Lippen oder einer aus dem Leim gehenden Figur? Klare Antwort: Mängel sind nicht akzeptabel.

Unser Körper ist unsere Aktie

Es gilt, das Maximum aus unserem Körper herausholen – jederzeit. Und das am besten bis ins hohe Alter, denn bei Frauen wie Jane Fonda (81) oder Helen Mirren (73) denkt wohl niemand mehr an Kittelschürze, Hörgerät oder Rente. Und zur Not bleiben uns ja immer noch Role Models wie Iris Apfel (97). Giovanni Maio, Direkter des Insituts für Ethik und Geschichte der Medizin  an der Uni Freiburg, sagt: „Wir leben in einer ökonomistischen Zeit, in der sich der moderne Mensch als Unternehmer seiner selbst begreift: Er ist verantwortlich dafür, dass er nicht nur seine Aktien gut anlegt, sondern seinen Körper wie eine Aktie behandelt.“ [1] Und diese Aktie muss einen phänomenalen Lauf haben, denn Schönheit gehört – neben Leistung, Erfolg und Disziplin –  zu dem, was Karrieren auszeichnet.

Zum Glück können wir optischen Mängeln oder dem Alter jederzeit ein Schnippchen schlagen, denn Schönheit ist machbar. Manche arbeiten da ganz klar mit der unmissverständlichen Ansage „Lifting, Botox, oder…? Was Beauty-Docs ihren Freunden raten“ (da sind sie wieder, die „Freunde“ ). Anderswo lassen uns Frauen, die natürlich so schön wie möglich altern jung bleiben wollen, an ihren Schönheitsgeheimnissen teilhaben. Hoch im Kurs stehen vegane Ernährung oder Clean Eating sowie Verzicht auf alles was Spaß macht mögliche, etwa Zucker, Weizen und was weiß ich.

Unerreichbare Schönheit

Fak ist: Der schöne Schein wird immer wichtiger. Denn laut Trandforscherin Europa Bendig steht die Forderung, schlank und gestylt zu sein, in der Schönheitshierarchie ganz oben. Der Grund dafür ist einfach: “ Heute ist ein dicker Bauch Ausdruck falschen Konsumverhaltens falscher Lebensweise, falscher Entscheidungen, mangelnder Kontrollfähigkeit und damit mangelnder Managementfähigkeiten.“ So schreibt es Waltraud Posch in „Projekt Körper“. [3] Wer einer bestimmten Gesellschaftsschicht angehören möchte, kommt also nicht umhin, sich den dort geltenden Schönheitsmaßstäben anzupassen. Ernüchternd: Die Akzeptanz gegenüber unvollkommenen Körpern schwindet, so Waltraud Posch. Je schöner also, desto besser. Dumm nur, dass das, was wir mittlerweile für schön halten weil wir es für schön halten sollen nicht mehr soooo viel mit der Realität zu tun hat.

Irreführende Idealbilder: Die Messlatte für Schönheit liegt dank Bildbearbeitung und ästhetischer Chirurgie nicht nur unerreichbar hoch, der zum Ideal stilisierte Körper ist für Normalsterbliche auch unerreichbar. Beim begehrten, mittels Bildbearbeitung optimierten „Tits on Sticks“-Look sitzt der weibliche und vollbusige Oberkörper auf einem extrem schmalhüftigen Unterkörper, der in etwa dem Entwicklungsstand eines zwölfjährigen Jungen (exklusive äußerer Geschlechtsmerkmale) entspricht. [4]

Der Bambi-Effekt: Das ideale Gesicht strahlt Reife und Kindlichkeit zugleich aus. Wenig überraschend schnitten in Tests die  Gesichter als besonders attraktiv ab, denen ein „Kindchenanteil“ von 10 – 50 Prozent beigefügt wurde. Ein Gesicht also, das so in der Realität nicht zu finden ist.

Die perfekte Haut: Selbst die besten Make-up-Artists werden am lebenden Objekt nie eine so ebenmäßige Haut vortäuschen können, wie es ein Computerprogramm schafft. Kunststück, denn beim Morphing werden künstlich erzeugte Gesichter mehrmals übereinander gelegt. Heraus kommen Gesichter, die wir als schön empfinden. Und die zu schön sind, um wahr zu sein. Bei manchen dieser „Werbegesichter“ ist man „so schön über das Ziel hinausgeschossen“, dass sie wieder aus dem Verkehr gezogen werden.

Echt falsche Körperdarstellung: Nicht nur die Gesichter werden „überoptimiert“. Auch beim Körper meint man es immer öfter ein wenig zu gut. Da wird digital nachbearbeitet, was das Zeug hält und so erscheinen einige Körperpartien unnatürlich gerundet, während die Grazien nicht mal in sitzender Position einen Bauchansatz zeigen. Gut, die Model sind gertenschlank – sogar so schlank, dass die Profis Weichzeichner über knochige Hüften legen – aber das grenzt schon an ein (digitales) Wunder.

Normale Schönheit hat das Nachsehen

Unter dem Dauerbeschuss perfekt retuschierter und in Szene gesetzter Schönheiten wirkt die normale Frau plötzlich ganz schön unattraktiv. Also wird sie – bewusst oder unbewusst – alles daran setzen, einem unerreichbaren Ideal nahezukommen. Vergeblich. „Die Chance eines jungen Mädchens, so auszusehen wie ein mit Photoshop bearbeitetes Topmodel, liegt bei etwa 0,1 Prozent.“ [4] Wie wahrscheinlich ist es da wohl, dass eine erwachsene Frau den Ansprüchen genügt? Nichtsdestotrotz vergleichen sich unzählige Frauen wie ich wider besseren Wissens immer mal wieder mit irreführenden Idealbildern. Um stets den Kürzeren zu ziehen. Und obwohl wir wissen, dass die computeroptimierte oder von chirurgischer Hand verfeinerte Schönheit nicht echt ist, wird sie unsere Wahrnehmung verändern. Sagt beispielsweise Arzt und Autor Ulrich Renz.

„Sie können nicht verhindern, dass Sie mit der Zeit Toleranz entwickeln gegenüber gebotoxten und gelifteten Gesichtern“ […] „Natürlich setzt es jeden von uns unter Druck, wenn es normal ist, mit fünzig auszusehen wie mit vierzig. So alt auszusehen, wie man ist, wird dann zum Stigma, und das Alter zu einem behandlungsbedürftigen Zustand. Ein Hängebusen wird uns vorkommen wie früher ein Kropf. Wir steuern auf ein Rattenrennen zu, in dem es keine Sieger geben wird.“ [3]

Das kann einem ganz schön zu schaffen machen…

Insgesamt ein tatsächlich erstaunlich unschönes Thema, irgendwie. Nachvollziehbar, dass jeder von uns so gut wie möglich aussehen möchte. Ich käme vorerst auch nicht auf die Idee, meiner Naturhaarfarbe das Feld zu überlassen. Aber dieser Zwang, schön sein zu müssen, gekoppelt an ein unerreichbares Ideal, führt bei mir zu Zornesfalten, die nach einer lebenslangen Botox-Infusion schreien. Denn wer sich diesem Schönheitswahn nicht oder nur bedingt beugt, setzt natürlich auch ein Signal. Autorin und Philosophin Heather Widdows von der University of Birmingham sagt dazu: „Wer das Spiel nicht mitmacht, outet sich als geizig, faul oder dumm.“ Äh…vielleicht hat er aber auch einfach nur die Schnauze voll?! Widdows Vorschlag, um das „Monster“ (wie sie es nennt) zu zerstören: „Gibt man offen zu, dass der wachsende Schönheitsdruck einem zu schaffen macht, verliert das Ideal zumindest einen Teil der Akzeptanz – und damit vielleicht den Status als ethisches Ideal.“ [1]

Gut. Na bitte. Dann sage ich hiermit hochoffiziell: Dieser Schönheitsdruck macht mir zu schaffen und ich habe keine Lust auf dieses Rattenrennen, das ich (jeder von uns) nur verlieren kann. Und bei dem es nur einen Gewinner gibt: Nämlich diejenigen, die sich eine goldene Nase an der Instandhaltung meines Körpers verdienen. Wie sehr sich das gefakte Körperbild schon in unseren Köpfen verankert hat, lässt sich an folgendem Geständnis erahnen – und das stammt ausgerechnet von einer Frau, die einen Großteil ihrer Arbeitszeit damit verbringt, Werbefotos zu retuschieren. Die professionelle Foto-Verschönerin, die u.a. für „Victoria’s Secret“ arbeitete, sagt: „Ich hatte mir für diesen Sommer einen Badeanzug von ‚Victoria’s Secret‘ bestellt, und als er ankam, war ich enttäuscht, weil er längst nicht so toll aussah, wie in der Werbung. Ich bin diejenige, die das alles bearbeitet, und ich bin selbst noch nicht immun gegen dieses Marketing. Es ist unglaublich.“ [5]

Ich will meinen Frühling zurück…

Es gab mal eine Zeit, in der Schönheit mit Leichtigkeit, Freude und Spaß verknüpft war. Sich ausprobieren, in eine andere Rolle schlüpfen, mal eine andere Facette ausleben. Ebenso der Frühling. Nach dem viel zu langen Winter endlich wieder ein leichtes Kleid rausholen und die ersten Sonnenstrahlen genießen. Sport treiben, weil es Spaß macht und sich gut anfühlt. Und heute? Muss mein Kleid nicht zu mir passen, sondern ich von Form und Farbe her zu meinem Kleid. Und ehe ich überhaupt ins Kleid schlüpfen darf, steht ein straffes Sport- u. Kosmetikprogramm an… also noch straffer als im Winter. Unzählige weitere To-dos auf einer ohnehin schon ellenlangen Liste, die uns bis ins Grab begleiten wird.

Denn wie schreibt der Streetstyle-Fotograf Ari Seth Cohen, der sich vornehmlich auf das Fotografieren alter Menschen spezialisiert hat, so furchteinflößend schön? „Wir müssen nicht vorzeitig altern. Man muss sich um seinen Körper und seinen Geist kümmern. Außerdem habe ich gelernt, dass das Leben eine konstante Reise ist. Wenn wir jung sind, denken wir viel darüber nach, wer wir sind und wohin wir wollen. Aber die Frauen mit 80 oder 90 sind auch nicht anders. Das hört nie auf. Erst wenn wir bereit sind, den Planeten zu verlassen.“ (Quelle: welt.de) Und ich Träumerle hatte mir tatsächlich mal ausgemalt, dass ich eines Jahres als Großmütterchen in meinem Schaukelstuhl sitzen werde… still vergnügt und losgelöst von diesen Zwängen, noch irgendwelchen Ansprüchen genügen zu müssen. Ganz schön naiv…

Trendforscherin Bendig prophezeit übrigens, dass Ausstrahlung, Persönlichkeit und Charakter in Zukunft wichtiger werden als ein Äußeres, das einem bestimmten ästhetischen Ideal entspricht. [4] Möge sie damit richtig liegen. Ich hoffe wirklich, dass sich vielleicht doch noch die Erkenntnis durchsetzt, dass eine perfekte Fassade nicht alles ist und dass Schönheit tatsächlich auch von innen kommt und voller Leben ist. Und das Leben hinterlässt nun mal Spuren und Falten. Mögen es Lachfalten sein und keine Frustfalten, die daher rühren, dass ich mich zu oft mit unerreichbaren Idealen verglichen habe…

Und jetzt habe ich gerade große Lust, mich mit Kintsugi zu beschäftigen. Die Schönheit in Fehlern und Unperfektem entdecken und sie, anstatt sie zu kaschieren, extra hervorheben… das hat was. Ich denke, das könnte mir gefallen. Jetzt… und als im Schaukelstuhl sitzendes Großmütterchen. ;)

 

Quellen, Infos und Leseklicks: 

[1] Psychologie Heute März 2019: „Das Ideal des perfekten Körpers“
[2] Christiane Zschirnt: Wir sind schön: Plädoyer für eine gelassene Weiblichkeit. Goldmann Verlag (2009)
[3] Ildikó von Kürthy: Neuland. Rowolt Taschenbuch (2016)
[4] Rebekka Reinhard: Schön! Ludwig Buchverlag (2013)
[5] stern.de: Gefakte Werbefotos

 

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