Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen. Und da hier gerade verschiedene Umbrüche anstehen, die Herr Maslow der Stufe zwei seiner Bedürfnishierarchie zuordnen würde, entwickeln meine Gedanken manchmal ein recht unschönes Eigenleben. Ich vertraue zwar darauf, dass sich die Dinge so entwickeln, wie sie sich entwickeln sollen. In manchen Momenten allerdings, das muss ich leider so sagen, geht mir – als eher auf Sicherheit bedachter Mensch – der Hintern auf Grundeis. Nun bin ich davon überzeugt, dass die Qualität unseres Lebens maßgeblich von der Qulität unserer Gedanken abhängt. Da stresst es mich logischerweise, dass meine Gedanken derzeit gelegentlich mit mir durchgehen, als wären sie eine Horde wild gewordener Zwergponys. Und da die meisten (mir bekannten) stimmungsaufhellenden Substanzen fiese Nebenwirkungen haben, schien die positive Gehirnwäsche eine adäquate Form der seelischen Unterstützung zu sein. So die Theorie…

#kannSpurenvonIronieenthalten

Also flugs den brachliegenden Audible-Account reanimiert und ein Bestseller-Hörbuch der Kategorie „positive Gehirnwäsche“ runtergeladen. Das gab’s gerade zum halben Preis und bei 4,95€ kann man nicht sooo viel falsch machen. Dazu gesellte sich – leider zum vollen Preis – ein rosafarbener Holzhammer in gedruckter Form. Von einer Koryphäe auf diesem Gebiet, wie es in „Die Mütter-Mafia“ ständig so schön heißt. Und als i-Tüpfelchen gönnte ich mir noch die volle Dröhnung Happy-Podcasts. Wenn schon, denn schon. Derart gebrainwashed sollte das doch klappen. Mit mir und den Umbrüchen des Lebens und den Gesetzen der positiven Anziehung und überhaupt. Doch es kam anders. Weil mir mein Gehirn renitenter Widespruchsgeist in die Quere kam.

Fly, baby, fly…

Es gibt da nämlich einen klitzekleinen Haken, den ich nicht bedacht hatte: In dem Land, in dem das Gesetz der positiven Anziehung regiert, sind die Vibes entscheidend. Die müssen good sein, dann ist alles möglich und sogar noch mehr. Das Zaubermittel ist also bestechend simpel und es heißt: Good vibes only. Aber wirklich: ONLY! Nicht „kommste heute nicht, kommste morgen“ oder „Ich war aber schon ganz dicht dran, darf ich’s nochmal versuchen?“, sondern: only. Only ist wichtig, um die Frequenz zu erhöhen und so. Denn während die negativen Vibes quasi der Betonschuh sind, der uns im elenden Dickicht rund um die Mülltonnen des Lebens festhält, sind die guten Vibes unsere kleinen Flügelchen, die uns aus den Niederungen des ordinären Lebens in neue Sphären entschweben lassen. In Sphären, in denen Probleme –  welcher Art auch immer – nicht existieren. Und außerdem – aber das weiß ja nun mittlerweile wirklich jedes Kind – gibt es auch weder Problem noch Mangel noch sonstige Ärgernisse, das sind alles nur Illusionen des Egos. Immer wieder verblüffend, wie täuschend echt sich diese Illusionen anfühlen. Mannmannmann… wer braucht da noch Houdini oder David Copperfield?

Good vibes scheinen, wenn ich’s mir genau überlege, auch so eine Art Risiko-Lebensabsicherung zu sein. Da uns Krankheiten, finanzielle Sorgen oder andere unschöne Dinge – also diese Illusionen des Egos – aufgrund unserer guten Vibes gar nicht erst heimsuchen. Sicherheitshalber können wir uns und unsere Lieben im Geiste aber auch mehrmals täglich in schützende Lichtkokons hüllen, so hieß es. Das Leben ist somit also ein durch und durch sicherer Ort und wir sind stets behütet und beschützt. So weit, so verlockend, so wunderschön…

Houston, wir haben ein Problem…

Es sei denn – und genau hier grätschte mir mein Widerspruchsgeist (nach der Sache mit den Lichtkokons) erneut voll in die Parade – wir haben einen Fehler im (Denk)System. Haben wir nämlich einen Fehler im (Denk)System, ist die Schwingung unserer Gedanken eben sehr niedrig. Daraufhin versagen zwangsläufig unsere Flügelchen, auf dass wir wieder in die hässlichen Niederungen des Lebens plumpsen. Und nicht nur das: Aufgrund unserer negativen Schwingungen mutieren wir dann auch zu so einer Art Bullshit-Magnet, der quasi alles Negative anzieht! Da heißt es natürlich: „Houston, wir haben ein Problem!“ gilt es natürlich, positiv denkenderweise ganz fix gegenzusteuern, um flugs wieder auf einer höheren Frequenz zu chillen.

Naheliegend also, dass manche Menschen lieber positiv als negativ denken wollen. Ich zum Beispiel. Nur: Wie soll ich das anstellen? Ich halte es zwar seit jeher mit dem Zitat, das Oscar Wilde zugeschrieben wird: „Am Ende wird alles gut! Und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“ Aber was macht das mit mir, wenn ich vor allem nach einer Gehirnwäsche diese Art?! –  nahezu zwanghaft positiv gestimmt sein muss, da ich sonst zum Bullshit-Magneten werde und den Mist die Lerngeschenke in mein Leben ziehe, an denen ich nicht interessiert bin? Denn mal ehrlich: Wer will denn schon Lerngeschenke, wenn er richtige Geschenke bekommen kann?

Up, up to the sky…

Es kam, wie es kommen musste und die Gedanken verselbstständigten sich mal wieder. Und mir wurde klar: Wenn ich mich wirklich, wirklich, WIRKLICH auf diese Sache einlassen will, werde ich mein Leben drastisch verändern müssen…

#1 Verlagerung der Homebase: Da das Leben hier in diesem Vorort zur Hölle für ein Seelchen wie mich, das ohnehin schon sensibel auf Reize jeder Art reagiert, einfach unerträglich ist, sehe ich mich genötigt, meine Homebase anderswo aufzuschlagen. Beschließe daher, mir ein schnuckeliges cozy Cottage am Allerwertesten der Welt zu kaufen. Dort, wo die Welt noch relativ in Ordnung ist. Um dann dort zu bleiben. Für immer. In diesem Cottage und nur dort. Weil die Welt da draußen ja grausam und überhaupt nicht cozy ist. Weiß jeder, der schon mal eine Natur-Doku gesehen hat. Da ein schnuckeliges Cottage allerdings nicht für’n Appel und’n Ei zu haben ist, muss ich erhebliche Abstriche machen, so dass mir am Ende eine bessere Besenkammer bleibt. Aber das macht überhaupt nichts. Ich wollte schon immer mal Harry Potter spielen.

#2 Neues Mindset: Da sitze ich nun. In meiner zugigen Bretterbude meinem cozy Cottage am Popo der Welt. Und ich habe Zeit. Viel Zeit. Weil mich das Leben, das ich bisher führte, ja in diese Situation gebracht hat, krempele ich konsequent alles um. Alte Hobbys weg, alte Gewohnheiten weg – so eine kleine Umprogrammierung dauert nur rund 30 – 66 Tage, da lache ich doch drüber. Ha. Ich fühle mich fantastisch, denn ich weiß ja, was demnächst aus mir werden wird! Ich sehe mich im Geiste glitzern und funkeln und eine wahrhaft magnetische Anziehungskraft entwickeln, der sich nichts und niemand entziehen kann. Und es wird positive Geschenke hageln. Oh ja… das wird es. In nur 66 Tagen – wobei ich gedanklich extra nochmal vier Monate draufpacke, da ich um meine beklagenswerte Lernresistenz weiß – werde ich mich in das ultimative Super-Glühwürmchen verwandeln. Und anschließend „Immer dem Licht nach“-Onlineworkshops geben sowie ein Elixier für den ultimativen Glow entwickeln- gewonnen aus dem Extrakt echter Glühwürmchenfreudentränen. Es wird wundervoll werden. Und ich werde fortan ziemlich gutes Geld in der Branche der Risiko-Lebensabsicherer verdienen. 

#3 Was du ausstrahlst, ziehst du an – Durststrecke inklusive: Stelle fest, dass ich mich gelegentlich doch ein bisschen einsam fühle. Die bisherigen Freund- und Bekanntschaften musste ich leider aus meinem Leben kicken, denn wer nicht willens ist, gemeinsam mit mir knallhart positiv zu denken und alles Negative dieser Welt auszublenden, der fliegt raus. Ich weiß aber, dass das nur eine Durststrecke ist, die bald enden wird. Wie bald, weiß ich allerdings nicht, weswegen ich mich auf eine längere Durststrecke einstelle. Dennoch: Wenn ich richtig gepolt bin, ziehe ich bald nur noch Menschen an, die auch so kleine “ happy pills“ sind wie ich es bald sein werde. Das ist nämlich – siehe oben – ein universelles Gesetz: Was du ausstrahlst, ziehst du an und was du gibst, bekommst du zurück – ungefähr drei- bis achtmal heftiger. Oh.Mein.Gott. Hätte ich das doch schon vor 30 Jahren gewusst…

#4 No brain, no headache: Es ist nicht nur einsam, es ist auch stinklangweilig. Liegt u.a. daran, dass ich, um mein fragiles Seelenheil nicht zu gefährden, nur noch Medien konsumiere, die sich thematisch auf einem Niveau bewegen, das mich nicht verstört. Bleiben Themen à la: Welche Nagellackfarbe passt zur aktuellen Flora und Fauna? Oder: Du kritzelst während des Telefonierens am liebsten Zickzack-Muster – was halten Freud und Jung davon? Gelegentlich denke ich auch nach. Aber nur ein bisschen und nicht zu viel. Das stresst mich sonst zu sehr und versaut mir die Vibes.

#5 Dufte, was alles läuft: Da ich in meiner Einsiedelei nicht 24/7 über Nagellack und Kritzeleien nachenken kann und es auch recht öde finde, andauernd Nabelschau zu betreiben, bleibt mir nur eins: Ich mutiere langsam aber sicher zum perfekten Stepford-Frauchen. Ich praktiziere täglich Clairerobics und bin stets auf der Suche. Auf der Suche nach der perfekten Meditationstechnik, dem besten Apfelkuchenrezept und der ultimativen Duftkerzenkollektion, deren Duft mir das Hirn wegflasht weil sich so ein leicht zwanghaftes Leben ohne Hirn ja sehr viel besser ertragen lässt.

#6 Bitte recht unfreund(schaft)lich: Lebe nun seit einem Vierteljahr als Eremit in meinem Glühwürmchen-Bootcamp und stelle fest, dass ich tatsächlich noch keine nennenswerten Bekanntschaften geschlossen habe. Den auf niedriger Frequenz schwingenden Negativlingen gehe ich aus dem Weg damit sie mir meine Vibes nicht versauen – darum lasse ich mir auch alle Lebensmittel aus dem Dorfsupermarkt liefern und vor der Tür abstellen. Ins Haus darf das Zeug aber erst, nachdem ich es energetisch und sonstwie gereinigt habe. Blöde nur, dass ich Menschen, die sich so stur aufs Positive fokussieren, wie ein Zweijähriger auf die Teletubbies, auch nicht so richtig leiden mag. Sie mich übrigens auch nicht, weil sie merken, dass ich ein Fake bin.

#7 Nur Rosamunde hört mein Seufzen: Sechs Monate läuft mein Glühwürmchen-Bootcamp nun schon. Ich sitze zusammengerollt auf meinem cozy Sesselchen, ziehe das kuschelige Kaschmirplaid noch ein bisschen fester um mich und folge gebannt den Abenteuern meiner „Rosamunde Pilcher“-Collection, nachdem ich letzte Woche sogar Biene Maja streichen musste. Zu aufwühlend, ganz schlimm. Auch die Nachrichten habe ich seit Monaten weder gehört noch gesehen, weil ich Leid und Elend kaum noch ertrage. Ich wünschte, ich könnte all den armen Menschen verklickern, dass sich ihre Probleme… äh… Illusionen des Egos in Luft auflösen würden, wenn sie einfach nur intensiver an ihren Vibes arbeiten würden! 

#8 Houston, wir haben schon wieder ein Problem: Verdammt! Da ich mich – mangels anderer Gesprächspartner – mittlerweile fast nur noch mit Tieren und Pflanzen unterhalte, werde ich meine Ernährung umstellen müssen. Ich kann ja wohl schlecht meine einzigen Gesprächspartner auffressen! Lichtnahrung wäre wohl eine Option… Ich raufe mir die wirren Haare – für wen soll ich mich auch stylen, meinen Tieren und Pflanzen ist es wurscht, wie ich aussehe –  und bekomme urplötzlich einen klitzekleinen Nervenzusammenbruch. Mir schwant, dass aus mir kein Glühwürmchen geworden ist, sondern ein nervliches Wrack. Die Titanic, die stets zu sinken bereit ist, sobald sie nur von einem Möwenschiss des Lebens getroffen wird.

Ich gebe zu, dass meine Gedanken da ein wenig arg mit mir durchgegangen sind und mein Geschreibsel natürlich maßlos überzogen ist. Dennoch musste ich mir nach dem Konsum meiner oben erwähnten Glücksdröhnung eingestehen, dass „good vibes only“ und ich nicht so gut zueinander passen, als dass ich diesbezüglich zur Gedankenmonogamie bereit wäre.

Die Sache ist die: Ich finde es ganz wunderbar, wenn jemand mit dieser Art des Denkens glücklich ist und den Herausforderungen des Lebens mit einem Lächeln auf den Lippen begegnet. Ich finde sie sogar beflügelnd, diese Menschen, die entrückt lächelnd ein wenig über den Dingen zu schweben scheinen. Und dennoch würden mich „good vibes only“ über kurz oder lang zum Neurotiker werden lassen. Warum?

Vibes sind gut, Vertrauen ist besser…

Ganz einfach: Es widerstrebt mir schlichtweg, die Hälfte meiner Emotionen als „falsch“ (weil negativ) wegschieben zu müssen. Oder panisch rund um die Uhr meine Gedanken überwachen zu müssen, auf dass sie nur ja auf der richtigen Frequenz funken. Weil ich sonst – denn das ist wohl die logische Schlussfolgerung – selbst schuld daran bin, wenn mir das Leben einen Haufen Mist vor die Tür kübelt… habe ich halt „falsch/zu negativ“ gedacht. Ich habe auch keine Lust darauf, sofort zwang- und reflexhaft Limonade aus jeder Zitrone machen müssen. Weil ich so dazu genötigt werde, Situationen und Gedanken sofort zu bewerten – gut, böse, schwarz, weiß. Ich möchte mich aber lieber erstmal möglichst wertungsfrei und beobachtend heranpirschen und darüber hinaus beinhaltet mein Denken durchaus auch verschiedene Graustufen.

Nicht falsch verstehen: Auch ich bin – wie die „good vibes only“-Anhänger und wie eingangs bereits erwähnt – nach wie vor davon überzeugt davon, dass die Qualität unseres Lebens maßgeblich von der Qualität unserer Gedanken abhängt. Und dass wir gut daran tun, unsere Gedanken weise zu wählen – ihr erinnert euch vielleicht an die Geschichte „Weisheit eines Indianers“ (die beiden Wölfe, die wir füttern). Ich bin allerdings auch davon überzeugt, dass die Qualität unseres Lebens von der Qualität unseres persönlichen Frage-Antwort-Spielchens abhängt. Schöne Fragen sind: Was zum Henker mache ich da eigentlich – und warum? Ist das, was ich da gerade tue, wirklich sinnvoll für mich? Entspricht es mir oder gibt es noch andere Wege, die besser zu mir und meinem Leben passen?

Mir entspricht es wohl eher, die ganze Gefühlsbandbreite zuzulassen und meine seelischen Widerstandskräfte zu stärken. Was bedeutet, dass ich dazu in der Lage sein muss möchte, mit allem umgehen zu können, was mir das Leben serviert. Und somit erkläre ich mein Glühwürmchen-Bootcamp dann auch für beendet. Anstatt mich angstvoll an die positiven Gedanken klammern und krampfhaft alles in Licht und Liebe  hüllen zu wollen – was den „good vibes“ aufgrund der Verkrampftheit ohnehin ziemlich abträglich sein dürfte – setze ich lieber weiterhin auf Vertrauen, auch wenn sich mir der Sinn mancher Geschehnisse erst sehr viel später erschließt. Was geschehen soll, wird geschehen… zu seiner Zeit. Und ich vertraue – wie bisher – darauf, dass es zu meinem Besten ist und dass ich damit werde umgehen können. Möge es gut werden.

 

[Anmerkung: Kluge Leser verstehen natürlich, dass es sich hierbei nicht um ein Plädoyer für gepflegten Pessimismus handelt. Vielmehr bin ich ein Freund von optimistischem Realismus. Also: Kopf in den Wolken, Füße auf dem Boden.] 

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