Mal abgesehen davon, dass ich derzeit relativ wüstes Zeug träume, kreuzen Träume recht oft meinen Weg. Zum einen in den sozialen Netzwerken in Gestalt von Menschen, die ihre Träume leben – sehr gerne auch, indem sie anderen erklären, wie man seine Träume lebt. Und zum anderen in gedruckter Form. Ich habe nichts gegen Träume. Ich träume gerne. Träume können der Anfang von etwas Wunderbarem sein. Die Frage ist allerdings: Muss ich meine Träume deshalb auch leben wollen? Und was sagt es über ich aus wenn ich es nicht will? Bin ich dann ein weltfremder Spinner, der vor der Realität flüchtet? 

Dass nicht nur mir diese „Lebe deine Träume“-Missionare hin und wieder auf den Senkel gehen, zeigte mir ein recht zornig geschriebener Artikel in einer Zeitschrift, in dem es ums Verwirklichen der Träume ging. Beziehungsweise um die Frage, was denn daran so erstrebenswert wäre. Denn im Grunde, so hieß es, ließe einem das Leben – zwischen dem fixkostenbedingten Hamsterrad und der Erfüllung sozialer Pflichten – überhaupt keine Zeit mehr, um irgendwelche Träume zu leben. Und ohnehin wären Menschen, die ihre Träume lebten, „selbstbezogene Arschlöcher“ (OTon) und die Welt eine bessere, wenn wir nicht ständig um uns selbst kreisten. Wow. Deutliche Ansage von jemandem, der seine Träume wohl eher nicht zu leben scheint? Dennoch kann ich diese Gedankengänge ein Stück weit nachvollziehen.

Lebe deinen Traum. Los.

Mittlerweile fühle ich mich ja doch schon leicht gehirngewaschen und der Ton wird härter. Drägender. Fordernder. Es kommt mir zunehmend so vor, als wäre ich Kundin eines gigantischen Lifestyle-Kaufhauses  und würde von allen Seiten permanent dazu aufgefordert, doch endlich mal auf den Tisch zu hauen. Tenor des allgegenwärtigen Grundrauschens: „Du bist die Kundin, du bist die Königin – benimm dich auch so… sei nicht genügsam und fordere gefälligst das ein, was dir zusteht… und das ist natürlich nur das Beste… weil du es dir wert bist…mit weniger gibst du dich nicht zufrieden…“ Schon klar, wer – und da bilde ich keine Ausnahme – möchte schon unter seinen Möglichkeiten leben? Das ist ja mittlerweile auch gar nicht mehr so einfach und erfordert eine gehörige Portion Dickfelligkeit.

Dennoch geistern mir manchmal gar unzeitgemäße Gedanken durch den Kopf und das umso heftiger, je fordernder „die Traumverkäufer“ von mir fordern, doch gefälligst endlich mehr Forderungen zu stellen.  Vielleicht stehe ich da furchtbar auf dem Schlauch, aber: Wie komme ich denn darauf, dass mir grundsätzlich nur das Beste zusteht – und davon bitte recht viel? Gibt es irgendwo ein geheimes Verlies, so wie bei Gringotts, der Zaubererbank, in dem sich fein säuberlich all das auftürmt, was mir im Leben zusteht? Und bekomme ich das nur, wenn ich entsprechend fordernd auftrete und die Bellatrix Lestrange mime, weil es sonst verfällt oder denen zufällt, die den Auftritt à la Strange perfekt beherrschen? Wann ist „genug“ wirklich „genug“ und wer entscheidet das? Ich, möchte ich meinen. Und, um mal wieder den Bogen zu den Träumen zu schlagen, ist es wirklich Ausdruck (m)eines erfüllten Lebens, kompromisslos alle Träume zu (er)leben? Oder eher: leben zu müssen?

Dream a little dream…

In einem meiner Lieblingsromane, „Fräulein Kellermann und die Kunst des Schwärmens“, gibt sich die Hauptfigur nach einem verschleppten Nervenzusammenbruch immer mal wieder einer bestimmten Art von Tagtraum hin.

„Wie steht’s um das Nervenkostüm?“ „Fadenscheinig, zerschlissen. Die Patientin arbeitet seit anderthalb Jahren beim Privatfernsehen. In einer sogenannten Talkshow-Redaktion, glaube ich.“ „Verstehe. Fräulein Kellermann? Nein, Sie brauchen die Augen nicht zu öffnen. Ruhen Sie sich aus. In ein paar Tagen werden wir uns unterhalten.“ Perdita lächelte und nickte. Die Augen ließ sie zu. „Das war der Herr Professor“, wisperte ihr die Krankenschwester ins Ohr, „er ist eine Kapaziät!“ Perdita kuschelte sich in ihre Decke. Nun wusste sie, dass sie in besten Händen war. [1]

Klingt irre? Finde ich nicht. Ich wünschte, ich könnte auch so bildhaft träumen oder besser nicht, denn sonst würde ich das Leben vernachlässigen, das ist doch der perfekte Kurzurlaub. Und zum Glück frönt Perdita diesem Traum auch nur solange, wie es für sie sinnvoll ist. Danach verschwindet der Traum so leise aus ihrem Leben, wie er sich hineingeschlichen hat. Worauf will ich hinaus? Dass Traum logischerweise nicht gleich Traum ist. Dazwischen liegen Welten… aber diese Feinheiten lassen „Traumverkäufer“ ja gerne mal unter den Tisch fallen.

Wovon träumst du?

Unsere Träume können nämlich verschiedene Gesichter haben, sagen u.a. auch die Psychologinnen Brigitte Boothe und Clarissa Pinkola Estés. Mal sind sie unsere kleine Oase und mal der Kompass, der uns dabei hilft, unsere Ziele zu erreichen. Hin und wieder gleichen sie allerdings auch einer klebrigen Masse, die uns im Reich der Träume gefangenhält und das Hirn verklebt. Stellt sich also vor diesem „Lebe deinen Traum“-Gesülze für mich also erstmal die Frage, mit welcher Art von Traum ich es denn da gerade/immer wieder zu tun habe.

Tagträume: Manchmal ist unser liebster Traum überhaupt nicht dafür gedacht, je in Erfüllung zu gehen. Wir ziehen uns im Alltag für einige Minuten dorthin zurück, um Kraft zu schöpfen und aufzutanken. So wie Perdita. Anstelle der Trostschokolade gönnen wir uns dann eben ein wenig mentale Zuckerwatte. Wir träumen genüsslich vor uns hin und packen anschließend – mehr oder weniger gestärkt – die nächste Aufgabe an. Tagträume gleichen einem kleinen Urlaub fürs Gehirn und für die Seele, den wir getrost genießen könnten.

Fluchtphantasien: Andere Träume lullen uns ein. Sobald es schwierig oder unangenehm wird, flüchten wir uns in unsere Traumwelt und fantasieren vor uns hin. Und das nicht nur tagträumenderweise in jeder freien Minute, sondern auch dann, wenn geistige und körperliche Anwesenheit gefordert ist, um die Situation aktiv zu verbessern. Im Traum haben wir all das erreicht, was uns erstrebenswert zu sein scheint. In der Realität sitzen wir die Probleme träumend oder ein schöneres Leben visualisierend auf der Couch aus. Und je zäher und farbloser das Leben wird, desto schillernder und intensiver werden die Träume. Diese Fluchtphantasien, wie Clarissa Pinkola Estés sie nennt, sind kein erholsamer Tagtraum. Stattdessen hindern sie uns daran, das Leben aktiv anzugehen – auch wenn sie sich für den Moment vielleicht angenehm anfühlen. Allerdings können Fluchtphantasien wichtige Hinweise auf das enthalten, was wir uns im Leben fehlt, so Pinkola Estés.

Kompass: Richtungsweisende Träume setzen Energie frei und bringen Bewegung ins Leben. Wir werden wacher, aufmerksamer und bekommen große Lust darauf, das Erträumte endlich auch in der Realität auszuprobieren. Vielleicht kaufen wir entsprechende Bücher oder belegen Kurse, wälzen Reiseführer oder durchforsten das Internet und saugen alle Informationen auf, die uns bei der Verwirklichung unserer Träume helfen können. Wir werden aktiv und spüren, dass es da noch so einiges in unserem Leben gibt, das auf Verwirklichung drängt. Und dabei handelt es sich durchaus nicht immer nur um große, das bisherige Leben auf den Kopf stellende Träume, die uns zwingen, den Job, die Familie oder den Wohnort hinter uns zu lassen. Manchmal sind es die kleinen Ideen, die unser Herz hüpfen lassen, sobald wir nur daran denken.

Der Psychoanalytiker Adam Phillips sagt übrigens, dass uns unsere Träume, Wünsche und Phantasien lebenslang begleiten. Und dass die Phantasie von dem Leben, das wir möglicherweise hätten führen können, ein zentrales Merkmal der menschlichen Existenz ist. Klingt für mich fast ein wenig so, als wäre es wurscht, welchen Traum ich nun verwirkliche – denn sobald der eine in trockenen Tüchern ist, lauert schon der nächste in der Pipeline. Was ja irgendwie auch gut ist. Denn was wären wir ohne unsere Träume? Und was würde uns antreiben, wenn wir all unsere Träume mit Leben erfüllt hätten?

Mir bewusst zu machen, dass es verschiedene Arten von Träumen gibt, hat die Sache für mich deutlich entspannt. Mag sein, dass es Mischformen gibt und dass der Grat zwischen den verschiedenen Träumen mitunter recht schmal ist. Doch wenn ich mich nicht völlig in Traumwelten verliere und darüber hinaus die Realität vernachlässige, spricht nichts dagegen, regelmäßig einen Ausflug ins Reich der Träume zu machen – wenn mir denn der Sinn danach steht und das tut er immer wieder mal.

Realität vs. Traum…

Ebenso kann ich nun leichter für mich herausfiltern, ob ich es mit einem Traum zu tun habe, der tatsächlich (aus)gelebt werden möchte. Manche Träume sind einfach nicht für die Realität gedacht. Wenn ich mich als tolle Eiskunstläuferin „sehe“ (war tatsächlich vor Jahren mal einer meiner Träume) oder träumenderweise den Spuren von J.K.Rowling, Carrie Bradshaw oder Pippi Langstrumpf folge, genieße ich in diesen Träumen nur die Erfolgserlebnisse. Ausnahmslos. Ich (tag)träume nie, aber auch wirklich nie davon, wie ich hart aufs Eis knalle, mir den Hintern abfriere oder Stunde um Stunde beim Training verbringe, während andere Pizza futternd auf der Couch sitzen und einen Lieblingsserien-Marathon absolvieren (sorry, das heißt ja jetzt Binge Watching). Warum sollte ich auch? Das würde meinem Traum einen gehörigen Teil der Leichtigkeit nehmen und aus einem ZDF-Sonntagabendfilm ein How-to werden lassen. Was ja schön und gut ist, wenn ich denn tatsächlich die älteste Eiskunstläuferin der Welt werden wollte, was nicht der Fall ist. Es genügt mir völlig, eine Runde entspannt übers Eis zu cruisen und das bekomme ich auch ohne How-to hin.

Und manchmal wird die Realität dem, was ich mir erträumt hatte, nicht so ganz gerecht. Fast so, als hätte ich im Traum Champagner getrunken und in der Realität schwappt dann Mineralwasser Weinschorle in meinem Glas. Unter uns: Ich habe noch nie Champagner getrunken. Will ich vorerst auch nicht. Weil Champagner in meiner Phantasie das Getränk für besondere Momente ist. Was, wenn Champagner in der Realität überhaupt nicht mein Ding ist? Na eben. Versaut einem doch den schönsten (Tag)Traum. ;)

 

In eigener Sache: Ich träume ja u.a. davon, mal längerfristig und konstanter zu bloggen. Um im Lauf der Jahre so ein Sammelsurium unterhaltsamer „kleiner“ Texte zusammenzustellen, die u.a. zwei Reaktionen hervorrufen: „Du schreibst mir aus der Seele“. Oder: „Interessant, so habe ich das noch gar nicht betrachtet, da denke ich mal drüber nach.“ Anstatt also (wie in diesem Fall üblich) erst alles zu geben, auf dass mir hinterher die Luft ausgeht, der Spaß vergeht und ich wieder genervt das Handtuch werfe, möchte ich es in diesem Blog mal anders angehen. Darum wird es ab sofort nur noch einen Post pro Woche geben (es sei denn, mir brennt aktuell irgendwas ganz fürchterlich auf der Tastatur). So müsst ihr das Ding nicht zwischen Tür und Angel lesen, könnt bei Interesse entspannt eventuellen Links u. Leseempfehlungen folgen und habt eine Woche Zeit, das Zeug sacken zu lassen was ja manchmal auch nötig ist, ich möchte ehrlich gesagt nicht jeden zweiten Tag einen meiner Texte lesen. Ich denke, dass ich mir so den Spaß und die Leichtigkeit bewahre, die gute Texte (für mich) auszeichnet, denn nur wenig liest sich ätzender als für die Quote geschriebene Texte. Also gilt für mich: weniger ist mehr. Und für den alltäglichen Kleinquatschkam in Kurzform bleibt Instagram – ist zwar auf privat gestellt, aber echte Leser, die wirklich am Austausch interessiert sind, sind jederzeit herzlich willkommen. <3  (Klickt ihr hier: https://www.instagram.com/lovelyraisin/ )

 

Quellen, Infos und Leseklicks: 

[1]Andrea Voß: „Fräulein Kellermann und die Kunst des Schwärmens“
[2]Clarissa Pinkola Estés: „Die Wolfsfrau“
[3]Brigitte Boothe: „Wenn doch nur – ach hätt ich bloß: Die Anatomie des Wunsches“
[4]markmanson.net: Why some dreams not should be pursued

Und für die Leseratten unter euch könnte das neue Buch von Barbara Sher interessant sein. Meine Heldin der Selbsthilfe- u. Motivationsliteraur hat nämlich ganz frisch im April dieses Jahres ein neues „Werk“ rausgehauen und das trägt den klangvollen Titel: „Grenzenlos träumen: Wie du deine Sehnsüchte und Wünsche wahr werden lässt“ Hach ja. Und nun ratet, wer sich das Buch soeben bestellt hat? Moi. Manche Dinge ändern sich nie. ;) So ist das, wenn man blind ein Buch einer der Lieblingsautorinnen empfiehlt… ähm… das Buch ist nicht gut. Gar nicht. Ich ziehe die Empfehlung hiermit zurück. 

[Unentgeltliche Werbung ohne Auftrag. Denn: Dieser Post enthält Namens/Produktnennungen sowie Verlinkungen. Ich wurde von niemandem zu irgendetwas hiervon beauftragt.]