Der Zeitgeist und ich, wir sind ja nicht die engsten Freunde. Er findet mich bockig, vorsintflutlich und steinalt. Ich finde ihn laut, nervig, oberflächlich und sehr, sehr anstrengend. Wir sprechen einfach zwei verschiedene Sprachen. Und während ich einfach nur ein bisschen dieses und jenes tun möchte, schüttet er überall „Brillant Powder superstrong“ drauf. Besonders schlimm ist es, wenn er mal wieder  zu viel auf Instagram und in einschlägigen Lifestyleblogs unterwegs war und Bock auf eine Fahrt in der Geisterbahn der Selbstoptimierung hat. So wie neulich… 

#kanneinePrisePhantasieenthalten

Ich lümmele entspannt auf der Couch, um ein paar Herzchen auf Instagram zu verteilen, da lässt er sich neben mich plumpsen. Er ist ein wenig außer Puste. Weil er immer ein wenig aus der Puste ist, wie das so ist, wenn man Trends hinterherrennt, anstatt sie zu setzen. Er mustert erst mein fünf Jahre altes Handy und dann mein gerade noch 46 Jahre altes Ich. „Das Verfallsdatum habt ihr ja beide bald überschritten“, grient er und schiebt süffisant lächelnd hinterher: „Du solltest dir ein Beispiel an mir nehmen. Dann knallt er einen kleinen Elektro-Stick und eine Gabel auf den Tisch. „Hier. Für dich. Zum Geburtstag. Das ist ein Schrittzähler, den du am Hosenbund befestigen kannst. 10.000 Schritte am Tag. Minimum. Und die Gabel ist mit einem Sensor bestückt. Die vibriert, sobald du zu hastig isst. Dazu wirst du deine Ernährung umstellen. Überwiegend Rohkost, nur mageres Fleisch. Alkohol, Zucker und Kaffee sind gestrichen. So kannst du dein biologisches Alter um 10 Jahre nach unten drehen.“

„Sagt wer?“, frage ich. „Sagt mein Coach“, antwortet er und zeigt mir auf dem Smartphone das Bild einer umwerfend aussehenden Frau, bei der ich sofort denke: Blut, Schweiß, Tränen, Disziplin, Verzicht, schweineteure Kosmetikbehandlungen Makellosigkeit. Ich bedenke sie mit dem Blick, mit dem ich Frauen dieses Kalibers immer bedenke, wenn ich einen miesen Tag habe und mir jemand das Essen verbieten will. „Du hast nen Coach? Warum?“ Er lächelt mitleidig. „Weil auch ein Zeitgeist mit der Zeit gehen muss. Wir haben uns im Upgrade-Café kennengelernt. Im Rahmen des Symposiums ‚Fünfeinhalb ist die neue Acht'“. Ich schüttele den Kopf wie ein verwirrtes Rindvieh und in meinen Augen steht: WTF?! „Fünfheinhalb Stunden sind die neuen acht Stunden Schlaf“, erklärt er. „Da hast du einfach mehr vom Tag und mehr vom Leben. Schlafen kannst du immer noch, wenn du tot bist.“

„So, so. Und was fängst du mit der gewonnenen Zeit an?“, will ich wissen. Sein Blick schweift träumerisch in die Ferne. „Ich werde mit meinem Coach ein paar Outdoor-Touren in die Schweiz machen und ein Survival-Camp absolvieren. Wenn ich den Widrigkeiten der Natur trotze, haut mich nichts mehr um“, sagt er selbstgefällig. „Und dann werde mir verschiedene Apps runterladen, um meine Reise zum wahren Ich zu dokumentieren und zu optimieren. Zum einen eine Art digitale Ziel-Kontrolle, um festzuhalten, was ich während des Tages für meine langfristigen Ziele getan habe und um zu checken, ob ich meine Tagesziele erreicht habe. Dann eine App, die mir dabei hilft, jeden Monat mindestens drei verschiedene Bücher sowie Zeitschriften aus mir unbekannten Themenbereichen zu lesen. Und eine Tagebuch-App, in der ich meinen Tagesablauf minutiös festhalte und ihn auf Optimierungsmöglichkeiten hin überprüfe. Und zu guter Letzt natürlich eine Zufriedenheits-App, mit der ich die Zufriedenheit in sechs verschiedenen Lebensbereichen messe – ich bin davon überzeugt, dass ich in allen Lebensbereichen Spitzenwerte erzielen werde, immerhin arbeite ich hart daran, mich und mein Leben optimal zu optimieren. Selbstsverständlich bin ich zufrieden“

„Ah ja. Und einen Fitness-Tracker, der bei verpassten Trainingseinheiten Alarm schlägt, hast du auch? Und eine App, die dir anzeigt, wie viel Wasser du getrunken hast? Oder eine Gesundheits-App, die deine Ernährungs- u. Schlafgewohnheiten aufzeichnet und das Stresslevel misst und bei suboptimalen Werten direkt eine Strafzahlung von deinem Konto abzwackt?“, grinse ich. Er schaut mich an, als wäre ich völlig plemplem. „Selbst-ver-ständ-lich habe ich die. Alle. Damit fing doch alles an!“ Er schnauft, mustert mich dann verächtlich und faucht: „Was gibt’s da überhaupt zu grinsen? Ist DIR eigentlich bewusst, was du bisher alles verpasst hast? Jahre hast du verschenkt. Jahre! Und als wäre das nicht schlimm genug, sitzt du immer noch nutzlos auf der Couch und verteilst Herzchen auf Instagram!“ Er schnauft ein wenig heftiger, nimmt eine leicht violette Färbung an und redet sich so richtig in Rage: „Was hätte aus dir werden können, wenn du von Anfang an die richtigen Kurse belegt hättest! ‚Klarinette für Dreijährige‘, ‚Wirtschaftswissenschaften für Vierjährige‘, ‚Business-Chinesisch für Fünfjährige‘ und ‚multilinguale Soziologie für Sechsjährige’…“ Mittlerweile sieht er so aus, als stünde er kurz vor dem Kollaps, seine Gesichtsfarbe ist dunkelviolett und er röchelt: „Disziplin, Leistung, geistige Flexibilität, Potenzial! Niemand braucht acht Stunden Schlaf…“ und plötzlich rutscht er seitlich von der Couch.

Ach je. Der arme Kerl, denke ich und fächele ihm mit mit „Think and grow rich“, das er unter den Arm geklemmt hatte, ein wenig Luft zu. Sein Smartphone vibriert. Ich nehme den Anruf an und noch ehe ich zu Wort komme, flötet seine Coach-Tussi was von einem kulinarischen Workshop-Highlight, bei dem die Teilnehmer unter dem Kochlöffel von Nigella Oliver ein fünfzehngängiges Menü inkl. dazugehöriger Tischdekoration in Gestalt von aus Mammutzahn geschnitzten Miniaturen und aus Elfenhaar geklöppelten Spitzendeckchen erschaffen werden, weil man mal wieder etwas ursprünglicher werden wolle. Back to the roots und so.

Der Zeitgeist röchelt mitleiderregend. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als der netten Dame im Namen des Zeitgeistes abzusagen. Der ist nämlich bereits verplant. Wir werden uns zu einem zweiwöchigen Aufenthalt ins Schweigekloster zurückziehen – beschließe ich spontan. Der Zeitgeist lächelt dankbar – ob er das allerdings auch noch tut, wenn er erfährt, dass es dort kein Internet gibt und die Smartphones am Eingang einkassiert werden weiß ich nicht. Aber er wird es überleben. Er hat schon ganz andere Strapazen überlebt. Und wer heutzutage den Widrigkeiten eines WLAN-losen Schweigeklosters trotzt, und sich einer der größten Herausforderungen überhaupt stellt, den haut so schnell nichts mehr um, schätze ich.

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