Die Achtsamkeit und ich, wir hatten keinen guten Start. Denn ehrlich gesagt hat sie mich ein bisschen genervt. Kein Mindstyle-Magazin kommt ohne sie aus und online stoße ich alle naselang auf Ratschläge, die mir suspekt sind. Etwa „Riech an einer Blume“ oder „Schau dir deine Umgebung ganz genau an“. Nicht zu vergessen die berühmte und oft beschriebene Rosinen-Meditation, die scharfzüngige Zeitgenossen gerne mal pointiert aufs Korn nehmen. Ich etwa. Nun habe ich die Achtsamkeit nochmal auf eine Tasse Tee eingeladen. Was daraus geworden ist? Wir gehen ab sofort getrennte Wege…

#kannSpurenvonPhantasieenthalten

Nanu, denke ich, was ist das denn? Auf der Parkbank vor mir sitzt ein ätherisch und zugleich auch irgendwie verloren aussehendes Wesen undefinierbaren Alters. Das barfüßige Etwas trägt ein weißes Gewand, das an mehreren Stellen sorgsam geflickt ist. „Was hat dich denn hierher verschlagen?“, frage ich interessiert und setze mich auf den äußersten Bankzipfel. Die merkwürdige Erscheinung räuspert sich und antwortet mit brüchiger Stimme: „Ich habe einen Ausflug mit meiner Therapiegruppe gemacht, aber dummerweise haben wir uns aus den Augen verloren und scheinbar vermisst mich auch niemand…“, dann schaut sie sich verstohlen um und fährt fort: „Ich schlitterte nämlich haarscharf an einem Burnout vorbei, musst du wissen. Es war ein bisschen viel in letzter Zeit. Ich habe ein Interview nach dem anderen gegeben, war in Talkshows zu Gast, habe unzählige Artikel für alle nur denkbaren Magazine geschrieben und zu guter Letzt auch noch die Konzepte für diverse Workshops, Online-Kurse und Urlaubsreisen entwickelt.“

„Donnerwetter, da warst du ja ordentlich eingespannt“, zeige ich mich rechtschaffen beeindruckt. „Ach, ich kann ja nicht anders“, gesteht das merkwürdige Wesen und lächelt zaghaft. „Ich folge einfach meiner Leidenschaft und möchte andere für das begeistern, was mich so erfüllt. Im Grunde genommen brenne ich ja für mein Thema, das ist meine Lebensaufgabe.“ Und plötzlich geht ein beinahe überirdischer Glanz von der merkwürdigen Erscheinung neben mir aus, der allerdings gleich wieder erlischt. „Weißt du“, fährt mein sonderbarer Gesprächspartner fort, „abgesehen von der Tatsache, dass ich in den letzten Jahren recht eingespannt war, liegt mir noch etwas anderes auf der Seele.“ Die Stimme wird zum Flüstern. „Es scheint beinahe so, als wären die Menschen meiner mittlerweile ein wenig überdrüssig geworden. Vielleicht ist meine Zeit vorbei“, wispert das arme Ding und sieht ein wenig schwermütig aus. „Wie heißt du denn“, frage ich vorsichtig. „Achtsamkeit“, murmelt das Wesen.

Ich zucke peinlich berührt zusammen und werde knallrot. Achtsamkeit sieht mich mit flackerndem Blick an und nickt wissend. „Du hast es nicht so mit mir, oder?“ Stotternd versuche ich mich dafür zu rechtfertigen, dass mir die mit Achtsamkeit einhergehenden Übungen bisher eher suspekt sind. Etwa: Rieche an einer Blume, als hättest du das noch nie gemacht. Oder: Schaue dir deine Umgebung ganz genau an, als hättest du sie noch nie gesehen. Ganz zu schweigen von der oft beschriebenen Rosinen-Meditation. Achtsamkeit mustert mich aufmerksam, so als würde sie sich jedes Detail einprägen, was mich noch nervöser macht, als ich es ohnehin schon bin. „Was hältst du davon, wenn wir ein paar Tage miteinander verbringen?“, schlägt Achtsamkeit vor. „Du brauchst mich so dringend wie ich das Gefühl, endlich mal wieder gebraucht zu werden“, murmelt sie mehr zu sich selbst und schlägt sich gleich darauf erschrocken die Hand vor den Mund, als würde sie sich für dieses Geständnis schämen.

Mir ist durchaus bewusst, dass das eine dieser besonderen Gelegenheiten ist, auf die andere ein Leben lang warten – oft vergeblich. Man trifft ja schießlich nicht jeden Tag auf eine zum Smalltalk aufgelegte Achtsamkeit, die einem dann noch einen kostenlosen Workshop anbietet, also lade ich sie über das Wochenende zu mir nach Hause ein – wenn sie diese beknackte Rosinen-Nummer mit mir abziehen möchte, kann ich sie ja immer noch rauswerfen. Und als könnte sie meine Gedanken lesen, spürt Achtsamkeit, dass sie mich mit Samthandschuhen anfassen muss. Darum üben wir uns zuerst in der Kunst des achtsamen Gehens. Achtsamkeit nimmt mir milde lächelnd meinen MP3-Player ab, als sie mir allerdings auch noch meine Turnschuhe klauen will, streike ich. „Barfuß könntest du die Kraft der Erde besser in dich aufnehmen und dich geerdeter fühlen“, sagt Achtsamkeit. Ich sehe sie an, als hätte sie einen Vogel. Und dann gehen wir. Aufrecht und würdevoll, wie kleine Königinnen. Spüren jedem Schritt nach – so der Plan. Achtsamkeit merkt allerdings sofort, dass ich mich mit dieser Art des Gehens wenig anfreunden kann und schlägt mir vor, vor meinem inneren Augen Blumen erblühen zu lassen – dort, wo meine Schuhe den Boden berühren. Ich denke, schafft mir doch einer diese Irre vom Hals und lasse im Geiste meine Playlist aus dem Sportordner rauf- und runterlaufen.

Zu Hause angekommen fläze ich mich auf einen Stuhl und schnappe ich mir eine Flasche Mineralwasser, doch noch ehe ich sie zum Mund führen kann, registriere ich, wie Achtsamkeit mahnend den Kopf schüttelt. „Nicht zwischen Tür und Angel“, sagt sie sanft. „Lerne, jede einzelne Bewegung voller Aufmerksamkeit durchzuführen. Achte darauf, wie du dich mental fühlst, wenn du vom Stehen ins Sitzen kommst. Nimm jede Veränderung der Körperhaltung bewusst wahr“, salbadert sie. Und weiter: „Strecke die Hand bewusst zur Flasche aus. Werde dir des Gewichtes der Flasche und ihrer Beschaffenheit gewahr. Untersuche das Mineralwasser, das du gleich trinken wirst, als hättest du sowas noch nie gesehen. Wie sieht es aus? Führe die Flasche an die Lippen, spüre den ersten Schluck. Nimm die Kälte und das Prickeln des Mineralwassers wahr. Koste diesen Schluck aus und genieße dieses intensive Erlebnis. Bemerkst du den Unterschied? Du wirst nie wieder anders trinken wollen und warte nur, bis ich dich lehre, achtsam zu essen…“ Achtsamkeit lächelt beseelt und strahlt wie ein Glühwürmchen. Ich spüre in mich hinein und fühle eine Woge der Gereiztheit in mir aufsteigen, die mich zu überrollen droht. „Mir ist der Durst vergangen“, pampe ich, knalle die Flasche auf den Tisch und springe unter die Dusche.

Doch Achtsamkeit ist noch nicht fertig mit mir. Jetzt, da ich ihr nicht mehr ausweichen kann, beachtet sie jede meiner alltäglichen Handlungen mit Argusaugen und entdeckt beachtliches Entwicklungspotenzial. Fortan esse ich so achtsam, dass ich dabei wahlweise fast einschlafe und mein Kopf auf den Tisch kracht oder mir entkräftet die Gabel aus der Hand fällt und mit einem satten Klirren auf dem Teller landet. Wenn ich denn überhaupt zum Essen komme, was nicht selbstverständlich ist, da achtsames Kochen unglaublich zeitaufwendig ist. Vom achtsamen Einkaufen, das mit der Gehmedidation zum Supermarkt beginnt, ganz zu schweigen. Ich starre achtsam Löcher in die Luft. Oder glotze bedächtig auf den dunklen Bildschirm des Fernsehers, weil ich achtsam in mich hineinhöre, um zu ergründen, ob ich wirklich eine DVD einwerfen möchte und wenn ja, welche. Und warum. Steckt eine tiefere Botschaft dahinter? Möchte ich etwas verdrängen oder vor wahren Problemen flüchten? Oder suche ich… pfui, wie profan und unachtsam… womöglich nur Zerstreuung und Unterhaltung?

Achtsamkeit scheint zu bemerken, dass meine Nerven zunehmend blank liegen und mich ihre Gegenwart ganz und gar nicht entspannt. „Dir fällt es sehr schwer, dich auf mich einzulassen, also lass uns etwas anders versuchen“, sagt sie und ich bilde mir ein, einen leicht resignierten Unterton wahrzunehmen. Achtsamkeit zieht ein goldenes Kästchen aus der Tasche und holt ehrfürchtig eine Rosine heraus. Ich mustere erst Achtsamkeit und dann die Rosine mit zusammengekniffenen Augen. Lasse, ohne es zu wollen, das Wochenende im Geiste Revue passieren. Sehe mich achtsam sitzen, stehen, laufen, trinken und essen und jeder Körperwahrnehmung nachspüren. Oder bedeutungsschwanger in mich hineinhorchen, um wahrzunehmen, ohne zu werten und jede Regung zu ergründen, ob sie es nun wert ist oder nicht. Mir langt’s. Ich nehme Achtsamkeit sacht die Rosine aus der Hand, lege sie in das goldfarbene Kästchen zurück und lasse den Deckel zuschnappen.

„Lass uns einen kleinen Ausflug machen“, sage ich mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldet. Und am nächsten Tag fahren wir nach Hamburg. Vor einem großen Verlagsgebäude halten wir an. „Achtsamkeit, hier wirst du gebührend gewürdigt. Geh zum Pförtner und erkundige dich dort nach der Flow-Redaktion. Sie werden dich lieben, ich versprech’s dir.“ Achtsamkeit schaut mich lange an, legt den Kopf schief und fragt: „Das wird also nichts mit uns beiden?“ Ich schüttele den Kopf und erwidere: „Nein, das wird so nichts mit uns beiden.“ Achtsamkeit nickt verständnisvoll und sagt bedauernd: „Dann gehe ich jetzt.“ Und ich tue nichts, um sie aufzuhalten. Ich sehe ihr nach, wie sie würdevoll auf die Eingangstür zuschreitet. Dann dreht sie sich noch einmal um und winkt mir zu, langsam und bedächtig, ehe sie das Verlagsgebäude betritt.

Achtsamkeit und ich haben seither nicht mehr miteinander gesprochen, aber ich lese alle sechs Wochen, was sie für die Flow schreibt. Anschließend schlage ich achtsam das Magazin zu und stelle es behutsam zu den anderen ins Regal.

 

 

 

 

 

Anmerkung: Ich halte Achtsamkeit nicht für grundverkehrt, aber auch nicht für das Allheilmittel, als das sie mittlerweile gerne gehypt wird. Das, was Jon Kabat-Zinn mit der „Mindful Based Stress Reduction“ (MBSR) ins Leben rief – nämlich ein weniger fernöstlich angehauchtes, auf Yoga und Meditation basierendes Achtsamkeitstraining – ist eine gute Sache. Allerdings stellte sogar Kabat-Zinn in einem Interview sehr richtig fest: „Wenn ein Thema so populär wird wie die Achtsamkeit, verliert man jede Kontrolle darüber. Mittlerweile verbringe ich einen Großteil meiner Zeit damit, auf missverstandene Deutungen und Ansätze zu reagieren. Jeder Hinz und Kunz nennt sich mittlerweile Achtsamkeits-Coach. Doch bei wie vielen richtig guten Meistern haben sie gelernt?“ [1] Lasse ich jetzt mal so stehen, denn ich werde doch nicht Jon Kabat-Zinn widersprechen. ;) 

Infos, Quellen, Leseklicks: 

Psychologie heute: Achtsamkeitstraining richtig dosieren
Spektrum.de: Der Hype um die Achtsamkeit
Brown.edu: Can mindfulness be too much of a good thing? The value of a middle way

[1] Flow Nr.12: Lebenslauf: Jon Kabatt-Zinn – Der Erfinder des Achtsamkeitstrainings über sein Leben und seine Ideen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Lesetipp: Ich habe einiges zum Thema Achtsamkeit gelesen – oder es zumindest versucht. Das einzige Buch, das ich wirklich mit Spaß bis zum Ende gelesen habe und auch einer Freundin empfehlen würde, ist das von Ruby Wax: Fix & Fertig: Der Achtsamkeitsguide für Geräderte. Mini-Review und den Link zum kostenfreien Audiobook auf Spotify findet ihr hier: Immer dem Link nach.

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Fotocredits: Beitragsbild mit Canva erstellt, die restlichen Bilder sind von mir

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