Es gibt Menschen, die sich unglaublich gut verkaufen können. So gut, dass ich stets vor Neid erblasse und mich frage, wie ein Mensch nur so fabelhaft sein kann. Sie hantieren lässiger mit Blendgranaten oder Illusionszaubern als Lucky Luke mit seinem Colt oder Bud Spencer mit seinen Fäusten…

#enthält Klischees, Ironie und Überzeichnungen

Das zumindest ging mir durch den Kopf, als ich beim Durchforsten des Bücherregals mal wieder in „How to be Parisian“ blätterte. Ich besitze ja nahezu alle dieser „Die Pariserinnen“-Bücher, weil ich voll parisifiziert bin und mir bisher stets wünschte, dass ein bisschen was von diesem Glanz auf mich abfärben möge. Nur… warum eigentlich? Und vor allem: was für ein Glanz?

Zicken-Kult wird salonfähig

Mag sein, dass ich beim Durchblättern einen miesen Tag hatte. Aber plötzlich erschien mir das merkwürdige Verhalten dieser sagenumwobenen Großstädterinnen weder lässig noch cool oder gar erstrebenswert zu sein. Sondern anstrengend, anspruchsvoll, neurotisch und egozentrisch. „Die Pariserin“ – zumindest die, die im Buch beschrieben wird, und zwar u.a. von Pariserinnen – benimmt sich wie eine Frau, die dauerhaft von heftigsten PMS-Schüben oder von einer besonders giftigen Form der Wechseljahre gebeutelt wird. Doch anstatt irgendwann die Kurve zu kriegen und ein bisschen sozialverträglicher zu agieren, mutiert diese „How to be Parisian“-Pariserin zur überanspruchsvollen Dauerzicke, die selbst noch den Gang zum Mülleimer theatralisch inszeniert und erwartet, dass man(n) ihr die Welt zu Füßen legt. Was bekommen wir, wenn wir uns so aufführen? Dossiers à la: „Mon Dieu, meine Frau ist in den Wechseljahren!“ Oder: „Merde, ihre Hormone spielen verrückt!“

Die Pariserin indes ist natürlich keine von ihren Launen oder Hormonen gebeutelte Zicke, die sich nicht im Griff hat, sondern eine anbetungswürdige Frau, über die unzählige Bücher geschrieben werden die Dussel wie ich treudoof kaufen. Und das nur, weil sie eben nicht in Sindelfingen, Brunsbüttel oder Castrop-Rauxel geboren wurde. Sondern in Paris. Das, meine Lieben, ist großes Kino. Ein Illusionszauber de luxe. Ich ziehe den Hut vor diesen Klischee-Französinnen – so es sie wirklich geben sollte. Möglich, dass sie ein bisschen anstrengender als die „Durchschnittsfrau“ an einem schlechten Tag sind. Aber sie verkaufen das, was wir mit Yoga, Mediation oder dem Verzicht auf Koffein mühsam in Schach zu halten versuchen, extrem gut. Rechtfertigen sich nicht, erklären und entschuldigen nichts, sondern bauen sich stattdessen selbst einen Sockel und lassen sich anbeten. Chapeau. Ich verneige mich. Ich wünschte, ich könnte mich auch so derart gut verkaufen, denke ich, und schiebe das Buch wieder zurück ins Regal… 

Es war einmal…

… plötzlich klingelt es. Vor meiner Tür liegt ein rosafarbenes Päckchen ohne Absenderangabe. Am Päckchen ist ein glitzerndes Kärtchen in Form einer Sternschnuppe befestigt und ich lese:

„Bedenke gut, was du dir wünschst, es könnte wahr werden.“
(Marion Zimmer Bradley)

Enthält: 10 Illusionszauber de luxe, Modell „Fabelhafte Sternschnuppe mit Starfaktor“. [INCIs u.a.: Glitzer u. Sternenstaub für den großen Auftritt, Einhornpupse mit hypnotischer Wirkung in der Geruchsnote Flieder, ein Hauch von Größenwahn und eine Prise Weichzeichner für dein Gesicht und den Geist deiner Fans] Gebrauche die Illusionszauber weise und bedenke, dass die Erfüllung törichter Wünsche eine Strafe sein kann.

P.S: Wir wissen, dass du dir eigentlich den Illusionszauber „Fabelhafte Pariserin“ gewünscht hast, die Wartezeit hierfür beträgt allerdings 3 Jahre. 

Strafe? Was für ein Blödsinn! Euphorisch drücke ich das Päckchen an mich und tanze durch die Wohnung. Pah, wer will schon Pariserin sein, wenn er zur fabelhaften Sternschnuppe mit Starfaktor werden kann?! Glamour on. Neues Leben, ich komme! Denn ich bin fest davon überzeugt, dass ich heute anderswo wäre, wenn ich gewusst hätte, was ich wollte und zielgerichteter agiert hätte immer mal wieder mit ein paar hübschen Illusionszaubern hantiert hätte – schon alleine aufgrund der self-fulfilling prophecy. Es ist doch so: Erst würde ich mich selbst von meiner eigenen Großartigkeit überzeugen und dann wäre ich so überzeugend, dass ich auch den Rest von mir überzeugen würde. Wobei ich überhaupt niemanden überzeugen müsste, denn meine Vibes wären so phänomenal, dass sie selbst einen tiefgefühlten Truthahn im Eisfach zum Schmelzen brächten und Michelangelos David wachsweiche Knie bekäme. Diese Theorie ist so bestechend logisch, dass ich den ersten Illusionszauber nutze.

Es blitzt und funkelt und eine zart schillernde, nach Einhornpups Flieder duftende Wolke in schönsten Pastellfarben umhüllt mich und ich fühle mich fabelhaft. „Geh raus“, drängt eine innere Stimme und ich spüre einen leichten Schubs in Richtung Tür. „Deine Fabelhaftigkeit existiert nur, wenn sie von anderen bestätigt wird. Los, geh!“, mahnt die Stimme. Wie blöd, das habe ich mir aber ein bisschen anders vorgestellt, irgendwie nachhaltiger, denke ich, folge der Stimme aber und flaniere durch die Straßen. Und siehe da… jeder wohlwollende Blick von außen intensiviert Duft und Farbe der nur für mich sichtbaren Wolke, die rasch einen nahezu unwiderstehlichen Sog entwickelt, dem sich niemand entziehen kann. Wo auch immer ich auftauche, sorge ich für dezenten Aufruhr und meine sonnensch(w)einige und betörende Inszenierung ist perfekt. Hin und wieder puffen zwar kleine Glitzerwölkchen aus meinen Ohren und der Fliederduft geht mir auf den Senkel, aber irgendwas ist ja immer.

Ich lasse mich davon nicht irritieren,  strahle fortan mit meiner magischen Wolke um die Wette und registriere milde lächelnd – und irgendwann auch leicht irritiert – dass sich meine Zuhörer liebend gerne blenden lassen. Seit Monaten feiern sie mich mittlerweile dafür, dass ich die Illusion heraufbeschwöre, eine dieser Wahnsinnsfrauen zu sein, gegen die Shonda Rhimes oder Sheryl Sandberg in ihren Büchern zu Felde ziehen  aber was wissen die schon, sind eh nur neidische Kühe. Mein Stern steigt unaufhaltsam. Mein Publium nimmt mir nicht nur alles ab, sondern will sogar unbedingt daran glauben, dass ich dieser eine Mensch bin, dem an dreihundertfünundsechzig Tagen im Jahr in jeder Lebenslage die Sonne aus dem Allerwertesten scheint. Wahrscheinlich sind es Menschen, die – wie ich – mit Märchen aufgewachsen sind und sie geliebt haben…

Fabel.Haft.

Anderthalb Jahre später… Mittlerweile glaube ich fast selbst, dass ich ziemlich fabelhaft bin und darum bespiele ich verschiedene Social-Media-Kanäle, um mit meiner Strahlkraft ein weitaus größeres Publikum influencen inspirieren zu können (denn trotz aller Fabelhaftigkeit bin und bleibe ich ja EIN Mensch). Es wird Zeit, über entsprechende Merchandising-Artikel nachzudenken. Denn die Jonesens habe ich längst überrundet. Ich werbe nicht mehr für Marken, ich BIN die Marke. Ich schnappe mir das rosafarbene Päckchen und greife nach dem letzten Illusionszauber, dem ein Bestellzettel für die nächste Lieferung beigefügt ist. Doch irgendwas stimmt nicht…

Da sitze ich nun. Die fabelhafteste Person, die man sich nur vorstellen kann. Meine Fans lieben mich für das, was ich darstelle. Ich sollte total happy sein! Doch eine Sache hatte ich nicht bedacht: Da meine Fabelhaftigkeit ja von der Bestätigung anderer abhängt, bin ich mittlerweile ein bisschen… nun ja… sehr auf Lobhuddeleien und Likes angewiesen. Wenn meine Statistik unschöne Zahlen ausspuckt oder sich wieder ein paar Follower verabschiedet haben, verfärbt sich meine pastellfarbene Wolke gar gräulich und so riecht sie dann auch! Und was mir wirklich zu schaffen macht: Ich muss mir insgeheim eingestehen, dass mich trotz allem gelegentlich merkwürdige Tage heimsuchen. Nein, nicht diese Tage…

Tage, an denen mir meine eigenen Storys wie Grimms Märchen und meine Motivationsparolen wie die hohlen Kalenderphrasen vorkommen, die sie sind. Tage, an denen ich einfach gerne mal in den Arm genommen werden möchte, weil es – aber das bleibt bitte unter uns – doch recht anstrengend ist, ständig so fabelhaft sein zu müssen… Illusionszauber hin oder her.  Nur interessiert das leider niemanden. Sobald ich vorsichtig anklingen lasse, dass Superwoman heute ausgeflogen ist, erntete ich zweierlei Reaktionen. Die, die mich hassen, verziehen hämisch das Gesicht. Und meine Fans werfen mir erst irritierte Blicke zu und dann mit den Motivationsparolen um sich, mit denen ICH normalerweise jongliere. „Du bist so eine Powerfrau, du schaffst das doch mit links!“, „Auf Regen folgt Sonnenschein!“ und „Ich bin so stolz auf dich, du starke Frau, du schaffst das!“, hallt es in meinen Ohren und mir wird ein bisschen übel. Ich bin und bleibe nicht nur EIN Mensch, sondern dummerweise eben auch nur ein MENSCH.

Die sind doch alle nur neidisch…

Ich spiele nachdenklich mit dem letzten Illusionszauber und denke an meine Freunde. Okay… an meine Ex-Freunde, die überhaupt nicht Social-Media-affin sind und das Ganze für eine Luftblase halten. Beim letzten Meet & great Grillabend hat es ordentlich zwischen uns geknallt und nun herrscht erstmal Funkstille. Ich ging davon aus, dass wir meinen 100.000sten Follower feiern wollten, meine Freunde allerdings hat das nicht interessiert. Und dabei habe ich dieses Detail wahrlich oft genug ins Gespräch eingeflochten, um den anderen die Möglichkeit zu geben, endlich darauf zu reagieren. Irgendwann reagierten sie auch – aber anders, als gedacht. Und schon gab ein Wort das andere. Ich wäre so zickig und arrogant geworden, hieß es. Hätte wohl ein wenig die Bodenhaftung verloren. Und meine einst beste Freundin hat mich sogar abgehoben genannt. Abgehoben!

Sorry, aber SO lasse ich nicht mit mir reden. Normalerweise nennen mich alle nur Süße oder Liebes und unter jedem Instagram-Post wird mir mindestens fünfzigmal versichert, wie hübsch, süß und toll ich bin. Ein Post von mir, in dem ich das neue „Wrinkles go home“-Serum bewerbe und schon ist es ausverkauft oder der Preis steigt um 30 Prozent. Und meine Interieur-Posts sind sowieso der Hammer. Die Bilder provozieren eine Flut von Kommentaren à la: „Oh ist das schön bei euch! Woher hast du die Kissen… und die Couch… und diese Vasen?! Und woher deinen exzellenten Geschmack – wo kann ich den kaufen? Sogar die Lifestyleredakteurinnen großer Magazine brechen weinend zusammen und wollen sofort bei mir einziehen – zumindest schreiben sie das. Manche meiner Follower trauen sich noch nicht mal mehr, alleine zu atmen – darum schicken sie mir Mails, in denen sie mich fragen, wie ich es mache. Und wenn ich einen guten Tag habe, dann antworte ich sogar und verrate ihnen das Geheimnis obwohl ich dafür derzeit noch keine Provision bekomme: einatmen, ausatmen – das ist alles.

Und da ich eben weiß, wie der Hase läuft – das wird mir ja täglich von 100.000 Followern bestätigt – habe ich da wohl auch irgendwas… nun ja… in diese Richtung Gehendes angedeutet. Das Ende vom Lied: Beim nächsten Meet & great Grillabend bin ich nur erwünscht, wenn ich wieder die bin, die ich vorher war.

Schall und Rauch…

An der Tür klingelt es. Ich zucke zusammen. Draußen steht der DHL-Mann, der mir ein Päckchen vom Kosmetikversand meines Vertrauens in die Hand drückt. Ehe ich meine kosmetischen Illusionszauber auspacke, möchte ich allerdings erst den anderen entsorgen, mir langt’s. Mit so gravierenden Nebenwirkungen hatte ich nicht gerechnet. Doch… wo ist das verdammte Ding hin? Das rosafarbene Päckchen ist verschwunden, ebenso der Inhalt. Lediglich auf dem Tisch liegt ein Glitzerkrümelchen, das rasch aufblitzt und dann in einer Rauchwolke verschwindet. Kurz bilde ich mir ein, in der Wolke zu lesen:

„Man kann überzeugt sein, sich etwas zu wünschen – vielleicht jahrelang – solange man weiß, dass der Wunsch unerfüllbar ist. Steht man aber plötzlich vor der Möglichkeit, dass der Wunschtraum Wirklichkeit wird, dann wünscht man sich nur noch eins:
Man hätte es sich nie gewünscht.“
(aus: Die Unendliche Geschichte)

Ich atme ein. Und auf. Und stoße an auf die Menschen, die sich in Rauch auflösen würden, wenn ich auch nur versuchte, sie mit einem Illusionszauber zu veräppeln. Weil sie mich so lieben mögen, wie ich bin. Sogar an den Tagen, an denen ich mich selbst nicht leiden mag oder mich schrägen Gedankenexperimenten hingebe. :)