Freundschaft? Ist machbar. Beliebtheit? Ist machbar. Liebe? Ist machbar. Genau genommen ist alles machbar. Wir müssen nur die richtigen Tipps und Tricks anwenden und dürfen auf keinen Fall die bleiben, die wir sind. Dann klappt’s auch mit… äh… nun ja… fast allem. 

#enthält Klischees, Ironie und Überzeichnungen

Heute also: Werde bezaubernd und wickele alles um den Finger, was bei drei nicht auf dem nächsten Baum ist. Und besonders für uns Frauen ist diese Fähigkeit von enormer Bedeutung, denn jenseits des dreißigsten Geburtstags irgendwann verblüht die Schönheit und dann, so u.a. die Soziologin Catherine Hakim, tun wir gut daran, wenn wir noch irgendetwas anderes besitzen, das wir in die Waagschale werfen können. Laut des Soziologen Pierre Bourdieu wären das beispielsweise: wirtschaftliches Kapital, kulturelles Kapital oder eben soziales Kapital (u.a. Teilhabe am Netz sozialer Beziehungen oder kurz: Vitamin B). Und auch Catherine Hakim hält in ihrem Buch „Erotisches Kapital“ die soziale Kompetenz – neben Schönheit, Sex-Appeal, Charme, Charisma, Fitness, Lebendigkeit etc.- für ein Pfund, mit dem wir wuchern können, ohne dass es den Hosenbund sprengt. Ehe wir uns allerdings auf Vitamin B berufen können, müssen wir wissen, wie wir Vitamin B bekommen.

Göttin, Traumfrau, Königin der Herzen

Interessanterweise ähneln sich die Tipps der „So wirst du beliebt und legst dir einen Vorrat an Vitamin B zu“-Kategorie und der „So wirst du (s)eine Göttin/Traumfrau“-Rubrik teilweise frappierend. Klar, die Traumfrau muss noch ein paar Schippen drauflegen. Sie wickelt nämlich nicht nur alle um den Finger, sondern ist auch die mehr oder weniger subtile Femme fatale, hinter deren stilvoller Fassade ein Vulkan „50 Shades of Grey“-inspirierter Leidenschaft brodelt – so sie sich denn nicht gerade darauf besinnt, dass Liebe auch durch den Magen geht und eine dem Essen zugetane Frau erotisch wirkt. Also serviert sie dem Objekt ihrer Begierde mal rasch Putenbrusttalerchen an Hirse-Dinkel-Schnitzchen oder dünstet sich im „La Perla“-Negligé hingebungs- und genussvoll so salz-, fett- und kohlenhydratarm wie möglich durch die mediterrane Gemüseküche, ehe sie dann wieder… na was auch immer anstellt. Und natürlich behandelt sie jedes männliche Wesen, als wäre es der enterbte und von der Familie verstoßene Sohn, während sie Frauen gegenüber schon mal Schneewittchens Stiefmutter raushängen lässt.

Was das Aussehen angeht: Die Traummaße 90-60-90 sind nicht zwingend nötig – ein hübsches und gepflegtes Aussehen hingegen schon schadet allerdings nicht. Wichtig: Was auch immer die Frau anstellt, um frisch und bezaubernd auszusehen – sie muss es für sich behalten. Weder interessiert es irgendwen noch möchte sich irgendwer sorgsam gepäppelte Illusionen zerstören lassen. Zum Mitschreiben: Die Traumfrau wacht morgens ohne eigenes Zutun mit zartem Glow und der genau richtigen Wuschelmähne. Das zumindest haben uns genügend Serien und Fernsehfilme gezeigt – und verständlicherweise wird kaum jemand einsehen, dass er sich diesbezüglich eventuell mit etwas weniger zufriedengeben sollte.

Vitamin B für alle…

Wie gesagt: Die Traumfrauen-Nummer ist schon ein bisschen anspruchsvoller, aber alles in allem ist es mit den richtigen Maßen dem richtigen Guide, der uns die entsprechenden Verhaltensregeln an die Hand gibt, erstaunlich leicht, ein bezauberndes Wesen zu werden, das sich die nötigen Vitamin B-Vorräte für schlechte Zeiten zulegt. Bereit? Here we go.

Mehr Leichtigkeit: Die Königin der Herzen ist tagtäglich ein Ausbund an Leichtigkeit, Energie und guter Laune. Idealerweise wird sie einfach von weniger Alltagssorgen geplagt, als die Durchschnittsfrau. Anderenfalls tut sie einfach so, als wären ihr Sorgen und Kümmernisse fremd. Oder sie nimmt es als sportliche Herausforderung, das Leben stets mit spielerischer Leichtigkeit und ansteckender Heiterkeit zu meistern. Kurzum: Sie ist Superwoman.

Reden ist Silber: Wer Vitamin B sammelt, ist voll des richtig dosierten und richtig formulierten Lobes und tut Bewunderung kund, wann immer es angebracht ist. Also: immer. Schließlich gibt es immer irgendwas zu loben, da beinahe alles eine Frage der Sichtweise ist. Und die kluge Frau weiß natürlich, dass sich das, worauf sie die Aufmerksamkeit richtet, verstärkt, wohingegen sie dem, wovon sie nicht so viel haben möchte, so wenig Beachtung wie möglich schenken sollte.

Schweigen ist Gold: Gibt es ausnahmsweise nichts zu loben – was ehrlich gesagt eher für eine mängelbehaftete Sichtweise als für handfeste Tatsachen spricht und der Vitamin B-Zufuhr nicht (ich wiederhole: nicht!!!) zuträglich ist – hält es die Königin der Herzen mit Lil Dagover. Die sagte: „Die kluge Frau wird manches übersehen, aber alles überblicken.“ Und so behält die weise Vitamin-B-Sammlerin Frau gute Ratschläge für sich und der wichtigste, stets von einem bezaubernden Lächeln flankierte Satz in ihrem Vokabular lautet: „Kein Problem!“

Diskussionsrunden gehören ins Fernsehen oder in den Job und sonst nirgendwo hin. Für die Zuschauer mag es erheiternd sein, wenn sich die Kontrahenten hitzige Wortgefechte liefern – das muss wohl so sein, denn anderenfalls gäbe es ja nicht so viele Talkshows? Freundschaften oder Beziehungen indes ist es nicht zuträglich, wenn die Frau stets bemüht ist, ihrem Gegenüber zu beweisen, dass ihre Argumente die besseren sind. Die Königin der Herzen erinnert sich stets an das Zitat von Marshall B. Rosenberg: „Willst du Recht haben oder glücklich sein?“ Und dann entscheidet sie sich fürs Glück, die Glückliche.

So viel dazu…

Das klingt, wenn es „richtig verkauft wird“, tatsächlich wie die Vitamin B- Intensivkur, nicht wahr? Zumindest dann, wenn man einen EQ hat, der irgendwo zwischen Kieselstein und tiefgekühltem Suppenhuhn rangiert oder sich die letzten fünf Jahre ohne menschlichen Kontakt hinter einem Stein versteckt hat.

Ich hänge mich jetzt mal sehr weit aus dem Fenster und behaupte, dass eine gewisse Grundheiterkeit jedem von uns gut zu Gesicht steht und dass sich nur wenige – von Haus aus wohl eher masochistisch veranlagte oder selbstwertgeschwächte Menschen – zu dauernörgelnden Pessimisten hingezogen fühlen. Oder zu notorischen Besserwissern, die einem stets das Gefühl vermitteln, ein Teenanger zu sein, der versehentlich auf einer Veranstaltung des Capital Clubs gelandet ist. Und dass von Herzen kommende Aufmerksamkeit oder ein aufrichtig gemeintes Lob nahezu jedem von uns ein Lächeln ins Gesicht zaubern dürfte, ist jetzt auch nicht so wahnsinnig überraschend… es sei denn, man leidet unter diesem „Fishing for compliments“-Syndrom, das einen dazu verdammt, Nettigkeiten jeglicher Art abzuweisen, als hätte man sich in Imprägnierspray gewälzt.

Gut, aber jetzt mal ernsthaft: Genau genommen ist das alles ein alter Hut. Das alles – und noch sehr viel mehr – brachte 1937 bereits Dale Carnegie unters Volk, der mit „Wie man Freunde gewinnt“ einen Klassiker (mit einem ziemlich blöden Titel) geschrieben hat. Meiner Meinung nach ein Buch, das auf keinem Nachttisch fehlen sollte, weil es die Welt ein bisschen heller und netter machen würde, wenn wir uns nur an einige der Regeln hielten.

Warum ich Vitamin B nur als Tablette mag…

Kommen wir zum nächsten und für mich entscheidenden Punkt, der mich dazu bewogen hat, aus diesem Post kein How-to sondern ein … äh… von subtiler Ironie durchzogenes Ding zu machen. Ich mag dieses „So tankst du Vitamin B“-Gedöns nicht und es ist mir zuwider. Ja, man kann natürlich zig Bücher zum Thema lesen, sich ein paar Kurse gönnen oder sich ein paar youtube-Clips reinziehen – was ich mit sehr, sehr großer Erheiterung getan habe. Aber letztendlich steckt hinter allem – neben einem „Ich bin nicht gut genug“ – einfach ein sehr manipulatives „Ich bin nett zu dir, weil ich mir etwas davon erhoffe“. Ebenso gut könnte ich mir meine „neuen Bekannten“ fortan nur noch danach aussuchen, ob sie ein Ferienhaus in der Toskana oder an der Ostsee besitzen [„Hach… was für ein Zufall… nein… ich hatte ja keine Ahnung… du nimmst mich wirklich mit? Oh wie zauberhaft… damit habe ich ja gaaar nicht gerechnet…“ *würg*] oder Beziehungen zum besten Friseur der Stadt o.ä. haben. Nennt es infantil oder dämlich oder beides, aber ich mag jemanden solange, wie ich ihn mag… und wenn die Zuneigung abkühlt, tut auch ein Palazzo in Venedig nichts zur Sache. Und so passt das, was ich letztendlich für mich rausgefiltert habe, auf einen Bierdeckel. Okay, wenn man nicht relativ klein schreibt, ist ein Pappteller besser.

Wir sind alle menschliche Wesen und haben wohl normalerweise in etwa recht ähnliche Bedürfnisse: Wir möchten das Gefühl haben, für irgendjemand (Besonderes) jemand (Besonderes) zu sein. Wir möchten respektiert werden, miteinander lachen und unsere Wünsche, Träume, Sehnsüchte und Ängste mit jemandem teilen – ohne dafür verhöhnt zu werden. Und natürlich ist gegen Glück, Gesundheit, Spaß und einen gut gefüllten Schuh- u. Bücherschrank Kühlschrank auch nichts einzuwenden. Was wir ganz sicher nicht möchten: Auf irgendetwas reduziert zu werden, was sich andere von uns erhoffen – um dann die Rolle zu spielen, die andere für uns vorgesehen haben. 

Das würde ich gerne im Hinterkopf behalten, wenn ich Menschen gegenübertrete… zumindest denen, die ich nicht am liebsten von hinten sehe. Damit das allerdings gelingt – und das gehört jetzt nicht mehr auf den Pappteller – wäre es schön, wenn sich mehr Menschen an die Regeln von Carnegie hielten… äh… ich meine: muss die Basis stimmen. Ich muss mit mir im Reinen sein, anstatt mit mir selbst im Clinch zu liegen. Am Anfang steht also nicht: Tu dies, dann bekommst du das. Sondern:

Alles beginnt bei dir selbst.

Und andere mit Wohlwollen und Mitgefühl zu betrachten, anstatt mit der Präzision eines Laserstrahls vermeintliche Schwächen und Makel freizulegen, gelingt eben weitaus besser, wenn man sich selbst eher Freund denn Feind ist.

Gar nicht so einfach… kein Wunder, dass sich die „Tu dies, dann bekommst du das“-Ratgeber wie geschnitten Brot verkaufen. Aber zum Glück gibt es ja noch Alternativen: Wenn du ein guter Schauspieler bist, bist du fein raus. Oder: Wenn du ein Ferienhaus in der Toskana oder an der Ostsee hast, gehen dir nie die Freunde aus. Und wenn du Vitamin B benötigst, wende dich einfach vertrauensvoll an den Apotheker deiner Wahl. Ich selbst nutze übrigens Vitamin B aus der Apotheke. Und zwar bezeichnenderweise einen Vitamin B-Komplex.

 

P.S: Das Zitat von Rosenberg ist übrigens tatsächlich (m)ein Holy Grail, wenn die Erdnussbande ihr nerviges Haupt erhebt. Zur Erdnussbande gehören diese hässlichen Nichtigkeiten, über die man sich aufregen oder es ebenso sein lassen kann. Ich arbeite daran, solche Peanuts nicht persönlich zu nehmen – weil sie in den allermeisten Fällen tatsächlich auch nicht persönlich gemeint sind – und gehe davon aus, dass der Mensch mir gegenüber gerade das Beste tut, was er in dieser Situation eben tun kann und/oder dass er einen Grund hat, so zu handeln. Und ehe ich reflexartig anfange zu zetern, frage ich lieber : Warum tust du das? Oder: Was willst du damit erreichen? Wobei ich zugegebenermaßen noch intensiv daran arbeiten muss, Tonfall und Mimik weniger ätzend zu gestalten.

 

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